Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2691 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 198

Alfred Escher an Emil Welti, Zürich, Freitag, 8. Oktober 1875

Schlagwörter: Eisenbahnen Finanzierung, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardtunnel, Personelle Angelegenheiten, Tunnelbau, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Zürich 8 October 1875.

Hochverehrter Herr & Freund!

Ihr geschätztes Schreiben1 von gestern sammt den Beilagen zu demselben, welche ich diesen Zeilen anfüge2, wüßte ich nicht besser zu beantworten, als dadurch, daß ich Ihnen den Beschluß mittheile, welchen die Direction gestern in der fraglichen Angelegenheit gefaßt hat. Der Beschluß ist dazu geeignet, Sie über den Stand der Frage vollkommen aufzuklären.3

Wenn Hr. Favre sich gegenüber Ihnen, dem Präsidenten der Berner Conferenz, darüber beschweren darf, daß ihm seit dem 1. August keine Abschlagszalung für die Galerie d'avancement geleistet worden sei, so bildet dieß den sprechendsten Beweis dafür, was überhaupt von seinen Klagen | zu halten ist.4

Ich denke übrigens, nachdem die internationale Commission unter Beistimmung der Schweizerischen Abordnung beschlossen hat, der Gesellschaft erheblich weniger an Subvention auszufolgen, als sie an Hrn. Favre bezalt hat, werde uns von der Bundesbehörde nicht zum Vorwurfe gemacht werden können, daß wir Hrn. Favre zu wenig Geld gegeben haben!5

Auf das System von Vorschüssen an Hrn. Favre über die vertragsmäßigen Abschlagszalungen hinaus dürfen wir uns nach meiner Ansicht um keinen Preis einlassen. Sonst verlieren wir die ohnehin schon theilweise comprommittirte Caution gänzlich.6 Wir sind nicht die Banquiers von Favre & müssen uns wohl hüten, uns zu denselben machen zu lassen. Wenn in dem Vertrage, der zwischen Favre & seinen Commanditären abgeschlossen worden ist, ein Betriebscapital nicht vorgesehen ist, so ver| mag sich unsere Gesellschaft dessen nichts. Es wird in diesem Falle ein Nachtragsvertrag zwischen Favre & seinen Commanditären abzuschließen sein, wie Hr. Rambert bei der Unterredung, die ich letzten Dienstag mit ihm hielt, ohne Anstand anerkannt hat. Die Commanditäre von Favre haben das größte Interesse, zu einem solchen Nachtragsvertrage Hand zu bieten: denn sonst laufen sie Gefahr, ihre Caution von 8 Millionen Franken zu verlieren, welche glücklicher Weise in unsern Händen liegt. Ich halte dafür, daß wir bei der gegenwärtigen Situation vor allem auch darauf Bedacht zu nehmen haben, daß wir die uns zukommende Rechtsstellung in correctester Weise wahren. Favre außer Accord setzen zu müssen & factisch die von ihm hinterlegte Caution aushingegeben zu haben, wäre die allerschlimmste Situation, in welche wir gerathen könnten!

Herzlich

Ihr

Dr A Escher|

Ich hoffe, es sei Ihnen gelungen, Ceresole7 zu vermögen, nicht im Augenblicke der Entscheidung8 – fahnenflüchtig zu werden!9

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Beilagen nicht ermittelt.

3Die Direktion der Gotthardbahn-Gesellschaft traf am 7. Oktober unter anderem Beschlüsse betreffend das Verfahren bei der Leistung der Abschlagszahlungen an das Unternehmen Favre und dessen Beanstandung der Monatsrechnungen für August und September. Vgl. Prot. Dir. GB, 7. Oktober 1875 (S. 30–33, 46).

4In einer Konferenz, die am 19. Juni 1874 in Bern zwischen Vertretern der Gotthardbahn-Gesellschaft, des Unternehmens Favre und des Bundesrates stattfand, wurde unter anderem festgelegt, dass die Erweiterung des Tunnels auf den vollen Durchmesser höchstens 600 m hinter dem Vortrieb des Richtstollens liegen dürfe. Der hierbei noch bestehende Rückstand sollte bis zum 1. August 1875 wettgemacht werden. Da dieses Ziel nicht erreicht wurde, stellte die Gotthardbahn-Gesellschaft die Zahlungen für den Richtstollen ein. Vgl. Geschäftsbericht GB 1874, S. 39–41; Geschäftsbericht GB 1875, S. 31; Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Die Auseinandersetzungen zwischen Louis Favre und der Gotthardbahn.

5Alljährlich zu Ende eines Baujahrs nahm eine aus Delegierten der drei Subventionsstaaten bestehende Kommission eine Verifikation der Tunnelbaustelle vor, um anhand des Baufortschrittes den Subventionsbetrag zu bestimmen. Die internationale Kommission stellte am 1. und 2. Oktober 1875 fest, dass der Fortschritt der Arbeiten, ausgenommen jene am Richtstollen, ungenügend ausfiel, wodurch die Subventionsrate für dieses Baujahr verringert wurde. Vgl. Geschäftsbericht GB 1875, S. 5, 33; Staatsvertrag Gotthardbahn 1869, Art. 12; Alfred Escher an Emil Welti, 26. September 1875, Fussnote 6.

6 Favre war gemäss Vertrag verpflichtet, der Gotthardbahn-Gesellschaft eine Kaution von 8 Mio. Franken in bar oder in Wertschriften zu leisten. Vgl. Vertrag Gotthardtunnel, Art. 8.

7 Paul Cérésole (1832–1905), Bundesrat (VD).

8 Cérésole befand sich seit ca. 22. September im Urlaub und nahm ab Mitte Oktober wieder an den Bundesratssitzungen teil. Die fragliche Entscheidung konnte nicht ermittelt werden. Vgl. Prot. BR, September/Oktober 1875.

9Ergänzung auf der Rückseite.

Kontexte