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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2671 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#547*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 191 | Jung, Aufbruch, S. 290 (auszugsweise)

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Donnerstag, 21. Januar 1875

Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Gotthardtunnel, Krankheiten, Tunnelbau

Briefe

Hochgeehrter Herr u Freund

Vor allem spreche ich meine Freude darüber aus, dass es mit Ihren Augen wieder besser geht.1 Obschon ich von Anfang an auf meine Nachfragen stets gute Zusicherungen erhielt, ist meine Sorge doch erst auf die neuesten Berichte von Herrn Ehrhardt2 ganz geschwunden; ich hoffe nur es möchte die Krankheit zu der Einsicht beigetragen haben, dass Sie doch eigentlich nicht dazu auf der Welt | um sich durch masslose Arbeit für andere zu Grunde zu richten.

Sehr leid war es mir Sie wegen Carpi3 bemühen zu sollen. Herr Melegari4 liess mir aber keine Ruhe und nach seiner Darstellung glaubte ich wirklich es könnte diesem Manne Unrecht geschehen; jetzt bin ich freilich belehrt.

Heute war Herr Favre bei mir u hat sich bitter beklagt;5 ich will die nähern Mittheilungen auf unsere nächste Zusammenkunft versparen, in der Hoffnung dass sich dieselbe | nicht zu weit hinausziehe. Wenn Sie Zeit finden mich einmal zwischen zwei Zügen anzuhören, so komme ich nach Zürich. Ich thue es sehr gern; ich bin gesund und eine kurze Absenz ist für mich wohlthätig, während sie Ihnen gefährlich werden könnte. Also verfügen Sie über mich; ich freue mich sehr Sie wieder zu sehen.

Meine herzlichsten Grüsse u höflichste Empfehlungen an Fräulein Lydia6

Ihr

E Welti

Bern
21. Jan. 1875.

Kommentareinträge

1Escher arbeitete häufig angestrengt während der Nacht. Dies hatte eine Augenkrankheit zur Folge, so dass gar eine Starerblindung befürchtet wurde. Sein Augenarzt verordnete ihm zur Kur «ein Regime [...], das kaum für Jemanden so peinlich sein kann, als dieß für Sie dermalen der Fall sein muß» . Josef Zingg an Alfred Escher, 6. Dezember 1874. Vgl. NZZ, 15. Januar 1875.

2 Friedrich Gustav Ehrhardt (1812–1896), Oberst im eidg. Justizstab; Hausfreund der Familie Escher und enger Vertrauter Alfred Eschers, war für ihn verschiedentlich als Anwalt in Privat- wie in NOB-Angelegenheiten tätig.

3Vermutlich Leonardo Carpi (Lebensdaten nicht ermittelt), italienischer Ingenieur.

4 Luigi Amedeo Melegari (1805–1881), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister des Königreichs Italien in Bern.

5Zwischen Favre und der Gotthardbahn-Gesellschaft herrschten Meinungsverschiedenheiten über die Auslegung einzelner Punkte des zwischen ihnen geschlossenen Bauvertrags. Namentlich verlangte man von Favre die Aufstellung eines detaillierten Bauprogramms, damit er den Nachweis erbringe, den Zeitplan für den Bau des Tunnels einzuhalten.Favre sollte auch das Baulos der Strecke AiroloPiotta übernehmen, wozu er sich aber nicht bereit zeigte, da er die Bedingungen des Bedingnishefts als zu streng erachtete. Vgl. Prot. BR, 15. Januar 1875; Prot. BR, 25. Januar 1875; Prot. BR, 3. Februar 1875; Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 22.

6 Lydia Escher (1858–1891), Tochter von Augusta und Alfred Escher.