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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B2649 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Montag, 12. Mai 1873

Schlagwörter: Familiäres und Persönliches, Nationalrat, Ständerat, Wahlen

Briefe

Glarus den 12. Mai 1873.

Mein theurer Freund!

Herzlichen Dank für Dein Glückwunsch-Telegramm, welches ich heute empfing! Es ist Dir ohne Zweifel bekannt, daß ich schon im letzten Herbst, bei Anlaß der Nationalrathswahl, auf vielfaches Zureden hin mich bereit erklärt hatte die Ständerathsstelle wieder anzunehmen, so daß ich ohne zwingende Gründe nicht wohl zurückgehen konnte. Hätte ich ganz freie Hand gehabt, so wäre ich jetzt eher wieder geneigt gewesen abzulehnen, weil ich doch kaum mehr der richtige Repräsentant des Glarnervolkes bin, in welchem die sozialdemokratische Richtung immer mehr Boden gewinnt. Was die eidgenössischen Geschäfte betrifft, so sind zwar die kirchlichen Konflikte, die gegenwärtig im Vordergrunde stehen, nicht gerade meine Liebhaberei; doch hat sich im Allgemeinen an mir der alte Satz erwahrt, daß das beste Mittel gegen Uebersätti| gung darin besteht, wenn man eine Zeit lang fastet.

Mit meiner l. Mutter steht es gegenwärtig sehr schlimm; wahrscheinlich wirst Du in kurzer Zeit die Anzeige ihres Todes empfangen. Schon seit letztem November liegt sie krank im Bette u. hat in Folge eines Leberleidens oft heftige Schmerzen ausgestanden; ihr sonst so klarer u. lebendiger Geist ist seit einigen Wochen ebenso umnachtet wie ihr liebliches Auge es schon seit Jahren ist. Unter diesen Umständen wirst Du es begreifen, daß wir alle ihr eine baldige Erlösung aus diesem traurigen Zustande nur wünschen können.

Mit herzlichem Gruße verbleibe
Dein treuer Freund

Dr. J J Blumer.

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