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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Tschudi

AES B2647 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#507*

Johann Jakob Tschudi an Alfred Escher, Wien, Sonntag, 2. März 1873

Schlagwörter: Bankwesen (allgemein), Krankheiten, Lagebeurteilungen (diverse), Schweizerische Kreditanstalt (SKA)

Briefe

Mein theurer Freund.

Es ist in jüngster Zeit wahrscheinlich öfter mein Name im Verwaltungsrath der Creditbank genannt worden und ich möchte mich eigentlich nur dir gegenüber etwas verwahren, als habe von meiner Seite irgend welche unberufene Einmischung in die Angelegenheit statt gefunden. Ich bin von den verschiedensten Seiten nämlich, theils um Informationen, theils um Rath und um Mitwirkung ersucht worden, so daß ich in der Voraussetzung auch dir speciel einen Dienst zu leisten, weit mehr zu Gunsten des Projectes gethan habe, als ich es für irgend ein anders derartiges Unternehmen gethan haben würde. Schon vor drei Jahren als wir miteinander die so angenehme Excursion (zwar nicht an den Türlersee) aber doch an den Rheinfall machten habe ich dir dringend zugeredet, du möchtest dahin wirken, daß die Creditanstalt hier in | Wien ebenfalls eine Bank errichte. Du hattest indeßen keine rechte Lust dazu, was um so mehr zu bedauern ist, als diese Bank, wäre sie damals gegründet worden, noch eine sehr günstige Zeit getroffen und seitdem gewiß colossale Geschäfte gemacht hätte. – Zu spät ist es eigentlich jezt noch nicht; für ein durch und durch solides Unternehmen, für das ich die zu gründende Bank halte, ist auf dem Wiener Platze immerhin noch ein günstiges Terrain. Eine gewaltige financielle Katastrophe ist in Wien unausbleiblich und wie zu vermuthen ist, dürfte sie nicht lange nach Schluß der Ausstellung eintreten. Es wird dabei der größte Theil der hiesigen Schwindelbanken zu Grunde gehen und für die reellen Unternehmungen eine sehr günstige Zeit beginnen. Eine unsrer ersten Finanzcapacitaeten sagte mir vor kurzem: «Seien Sie überzeugt binnen wenigen Jahren wird ⅓ der Gründer und Unternehmer der Actien gesellschaften im Narrenhaus, ein zweites Drittel im Zuchthause sitzen und nur ein Drittel wird sich noch über Waßer halten.» Mit diesen wenigen Worten ist die gegenwärtige Situation hier vortrefflich characterisirt.| Ich hätte es für zwekmäßig gehalten, daß die Actien zu einem höheren Preise als 200 fl. nomirt worden wären und bin von den Gründen, die man mir zu Gunsten dieses Nominalwerthes, der gegenwärtig Mode (ich wähle absichtlich dieses Wort) ist und den jede Schuhwichs- und engl. Retiradeactiengesellschaft annimmt, nicht im Mindesten von dem Vortheil überzeugt.

Die bis jezt für das Unternehmen gewonnen Firmen sind ohne Ausnahme vortrefflich und ihre Träger nicht nur als Kaufleute, sondern auch als Menschen sehr geachtet; leztrer Punkt ist wahrlich nicht gering anzuschlagen. Ich würde Werth darauf legen, daß die hochachtbare Firma Miller v. Aichberg auch ihren Beitrit erklären würde und habe in dieser Beziehung einige Einleitungen getroffen; hingegen veranlaßte ich, daß die Verhandlungen mit Alf. Skane abgebrochen wurden, da er sich von Anfang an höchst zweideutig benommen hat und auch im ferneren Verlaufe nicht viel beßer als ein ganz gemeiner Schacherjude handelte.

Ich sehe für die Zukunft einige Schwierigkeiten für Euch, in Ernennung des hiesigen Verwaltungs| rathes und insbesondre des Praesidiums. Es wäre wohl sehr gut wenn auch hier ein Schweizer Praesident wäre (er brauchte ja nicht hier zu residiren). Wie wäre, falls du es nicht annehmen könntest oder wolltest, Oberst Rieter ?

Doch ich sehe ich verliere mich in Sachen, die mich eigentlich nichts angehen und die mich hauptsächlich nur darum interessiren, weil du dabei betheiligt bist. Ich will dir daher nur noch sagen, daß ich stets sehr gerne bereit bin zu interveniren, wo ich es durch meinen Einfluß bei den Ministerien etc. thun kann. Auch werde ich dir immer wenn du es wünschest möglichst verläßliche Auskunft über Persönlichkeiten und Verhältniße geben.

Ich habe eine recht schwere Zeit durchgemacht; Mein Hugo erkrankte den 15 Januar am Typhus und schwebte wiederholt in Lebensgefahr. Jezt nach sieben Wochen, kann er zwar das Bett noch nicht verlaßen, die Reconvalescenz geht aber, Gott sei Dank, günstig von Statten, so daß wir hoffen dürfen ihn bald ganz hergestellt zu sehen.

Lebe recht herzlich wohl; in treuer Freundschaft

Dein Tschudi

Wien 2 Merz 1873.

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