Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Rüttimann

AES B2645 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#422*

Johann Jakob Rüttimann an Alfred Escher, Zürich, Sonntag, 8. Dezember 1872

Schlagwörter: Freischaren, Liberale Presse, Presse (allgemein), Rechtliches, Schweizerische Bundesverfassung, Vereinigte Bundesversammlung

Briefe

Mein lieber Freund.

Es scheint mir keinem Zweifel zu unterliegen, daß die Revisionisten (vorausgesetzt, daß sie sich unter einander verständigen können) durch eine Reihe von rasch auf einander folgenden PartialRevisionen ihr Ziel am ehsten erreichen werden. Bei der gegenwärtigen Lage der Dinge in der Schweiz sowohl als im Deutschen Reiche wäre die an die Spitze zu stellende Revision der Artikel betreffend die Glaubensfreiheit ausgezeichnet dazu geeignet, wie ein Keil in die Schaar der Gegner hinein getrieben zu werden, um ihre Phalanx für immer zu sprengen.

Was die Verschärfung des Entwurfes vom 12 Mai d. J. betrifft, so habe ich namentlich eine Bestimmung im Auge, welche dem Mißbrauche der kirchlichen Strafgewalt Schranken setzen würde. Es scheint mir, daß die Freiheit, die Ehre & das Vermögen der Bürger unbedingt & ausschließlich unter dem Schutze der bürgerlichen | Gerichte stehen sollte. Ich war ganz erstaunt, in den Zeitungen zu lesen, daß der Bischof von Solothurn oder seine Kanzler Geistliche zu längern & kürzern Freiheitsstrafen verurtheilt & die Vollziehung derselben in irgend einem Kloster anordnet. Die Behörden des Deutschen Reiches haben einen Gesetzesentwurf ausgearbeitet, welcher solchen Übergriffen entgegentritt & der auch für unsere Verhältnisse ganz gut paßt. Derselbe ist, wenn ich nicht irre, unlängst in der N. Z. Zeitung abgedruckt gewesen.

Ob man nicht auch die Amtsentsetzung der Geistlichen den weltlichen Gerichten zuweisen könnte, will ich hier nicht entscheiden. Vielleicht könnte wenigstens die ökonomische Seite des Verhältnisses, die Besoldungsfrage, den weltlichen Gerichten unterstellt werden. Gewiß ist es verderblich, daß gegenwärtig die Geistlichen unbedingt von den Bischöfen & diese unbedingt von der Kurie abhängig sind.

Noch ist ein zweiter Punkt zu berühren: die Kirche mag Einzelne aus ihrer Gemeinschaft ausstoßen, & denselben ihre Heilmittel & | Gnaden entziehen; aber sie soll dieß nicht öffentlich & jedenfalls nicht in beschimpfender Weise thun. Ferner: Wenn eine kirchliche Gesellschaft sich spaltet, so sollen Streitigkeiten über die ökonomischen Wirkungen der Szission durch die weltlichen Gerichte beurtheilt werden. Doch lege ich keinen Werth darauf, daß dieser letztere Punkt in die Revision hinein gezogen werde. Auch die bischöfliche Jurisdiktion über Sponsalien und Ehesachen aller Art mag meinetwegen zur Zeit noch passiren, wiewohl die Abschaffung derselben oder wenigstens die Aufstellung einer konkurrirenden weltlichen Jurisdiktion gewiß rationell wäre.

Ich sehe voraus, daß in Eurer Mitte genug verschärfende Bestimmungen zur Sprache kommen werden, & daß es eher nothwendig sein wird, den Eifer in dieser Richtung zu mäßigen als denselben an zu fachen; denn man kann des Guten auch zu viel thun. Ich meinerseits würde einen Artikel wünschen, der etwa folgenden Inhalt hätte: «Es ist den kirchlichen Behörden nicht gestattet, bei Handhabung der Disziplin in die Freiheit, die Ehre oder das Vermögen der Einzelnen (Geistlichen | oder Laien) ein zu greifen. Der Bundesgesetzgebung bleibt vorbehalten, gegen solche Eingriffe & gegen den Mißbrauch der Kirchengewalt überhaupt die erforderlichen Bestimmungen auf zu stellen.»

Der Satz: «die freie Kirche im freien Staate» ist durchaus unpraktisch, ja staatsgefährlich; das Rechtsmittel des appel comme d'abus ist unentbehrlich; zu demselben müssen aber noch Strafbestimmungen betreffend Mißbrauch der Kirchengewalt hinzu kommen. Die beschimpfenden Formen der Exkommunikation u. d.gl. sind nicht zu dulden.

Zum Glücke finden sich in der Bundesversammlung Männer (Katholiken), welche auf diesem Gebiete vortrefflich bewandert sind.

Dieß ist nun aphoristisch genug. Verzeihe, daß ich so flüchtig geschrieben habe.

Mit dem Wunsche, daß Eure Arbeiten den besten Fortgang nehmen & daß Du nicht durch Unwohlsein gestört werden mögest, verbleibe ich von Herzen Dein

J R.

Z. 8. XII. 72.

Kontexte