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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2643 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#547*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 185

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Donnerstag, 7. November 1872

Schlagwörter: Bundesrat, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Gotthardtunnel, Kommissionen (eidgenössische), Schweizerische Bundesverfassung, Staatsverträge, Tunnelbau, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Bern 7. Nov. 1872.

Verehrtester Herr u Freund

Ich sehe aus dem gestrigen Schreiben der Direction1 , dass Sie über den Be schluss des Bundesrathes betr. den Baubeginn ungehalten sind. Als der selbe gefasst wurde war ich abwe send, sonst würde ich Ihnen darü ber geschrieben haben; dagegen muss ich erklären, dass ich damit ein verstanden bin und es sogar für sehr wichtig halte, dass wir dabei bleiben. Ich will Ihnen meine | Gründe dafür auseinandersetzen. Nach Art. 3 u 17 des Vertrages2 haben wir den Baubeginn zu bestimmen, d. h. zu sagen wann die Vertragsvollziehung von Seite der subvention. Staaten anzufangen habe. Dieser Vollziehung muss auf unserer resp. der Ge sellschaft Seite eine Gegenleistung entsprechen und diese Gegenleistung ist in dem Vertrage ausdrücklich dahin bestimmt, dass der Tunel3 angefangen sein müsse. Nun halte ich auch dafür | es ziemlich gleichgültig ist ob man unter den Tunel in diesem Falle auch den Einschnitt begreift, die Hauptsache ist die, dass der An fang der Arbeit seiner Bedeutung u seinen Kosten nach sowol mit dem ganzen Werke als mit der Lei stung der subvent. Staaten im Verhältniss stehe. Von diesem Ge sichtspuncte aus halte ich aber dafür dass das was am 1. Juli geschehen war nicht als Arbeits anfang qualificirt werden könne4 | und dass wir in der von die sem Moment bis zum 1. Oct. geleisteten Arbeit kein Aequiva lent für den entsprechenden Zins der ersten Jahresrate bieten würden. Diese Betrachtung zu machen halte ich für unsere Pflicht; ich bin aber auch überzeugt, dass wenn wir anders entscheiden würden wir sofort die lebhaftesten Reclama tionen von Seiten Italiens zu gewärtigen hätten, namentlich wie dort heute die Dispositionen | sind. Herr Pioda schreibt mir, Ma raini scheine sich über die Sachla ge sehr zu täuschen;5 im Ministerium des Aeussern sei man dem Gotthard sehr feindlich und suche überall nach Vorwänden um auf den Vertrag vom 15. Oct. zurückzukommen, weil man nach dem favre'schen Vertrag den Beitrag der Subventionsstaaten im All gemeinen und denjenigen Italiens na mentlich verhältnissmässig für viel zu hoch halte. Im Parlament werde die Frage ohne Zweifel in diesem Sinne | zur Sprache kommen und es sei zu befürchten, dass das Ministerium kaum einen scheinbaren Widerstand entgegensetze. Unter diesen Um ständen müssen wir uns doppelt hüten Vorwand zu begründeten Aus stellungen zu geben.

Eine amtliche Rückäusserung haben wir weder über die Per sonal noch über die Material frage. Die sonderbare Behaup tung des Herrn Melegari6 von | einer «entente preliminaire» die ich ihm versprochen hätte, habe ich bestimmt als unrichtig u mit allen Thatsachen im Widerspruch stehend dementiren lassen. Ich habe H. Melegari mehr als ein Dutzend Mal u zwar klar auseinanderge setzt, wie wir vorgehen werden und weiss mich auch von jeder Schuld an seinem Missverständniss frei.7

Ich hielt darauf, dass Sie meine persönliche Meinung über | den eingangs behandelten Punct ge nau kennen u füge bei, dass ich dagegen in Bezug auf den Beschluss wegen der Berichterstattung ganz an derer Meinung war.8 Ich werde mich hierüber persönlich mit Ihnen besprechen u erkläre zum Voraus mein ferneres Verbleiben in der Commis sion9 von einer andern Organisation des Geschäftsbetriebes beginnt ist.

Sehr lieb wäre es mir auch über Poli tisches (Revision) mich mit Ihnen besprechen zu können. Insofern Sie die Geschäfte nächstens einmal nach Olten führen würden so bitte ich Sie mich zu citiren.

Ihr ganz ergebenter

E Welti

Kommentareinträge

1In ihrem Schreiben erklärte die Direktion der Gotthardbahn-Gesellschaft, dass sie sich mit dem Entscheid des Bundesrates bezüglich der Festsetzung des Zeitpunktes, ab wann der Tunnelbau als begonnen betrachtet werde, nicht einverstanden erklären könne. Vgl. Prot. BR, 8. November 1872; Prot. Dir. GB, 4. November 1872 (S. 728–733).

2 Vgl. Staatsvertrag Gotthardbahn 1869, Art. 3, 17.

3Sofortige Korrektur, zuvor: «dass der Vertrag» .

4Erste Arbeiten an den Tunneleinschnitten wurden bereits ab Juni und Juli 1872 in Regiearbeit ausgeführt. Die Gotthardvereinigung, Absatz 57.

5 Vgl. Telegramm Clemente Maraini an Escher, [Oktober 1872] (BAR J I.2) .

6 Luigi Amedeo Melegari (1805–1881), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister des Königreichs Italien in Bern.

7Die Genehmigung des Vertrags betreffend die Ausführung des Gotthardtunnels mit Favre sorgte aufgrund der von Italien beanspruchten Berücksichtigung des Personals vom Mont-Cenis-Tunnelbau für Unstimmigkeiten zwischen der Schweiz und Italien, mitverursacht auch durch Mitteilungen des italienischen Gesandten in Bern, Melegari. Vgl. Schreiben Emil Welti an Giovanni Battista Pioda, 16. September 1872, in: DDS II, S. 685; Schreiben Giovanni Battista Pioda an Emil Welti, 24. Oktober 1872, in: DDS II, S. 690–691; Schreiben Bernhard Hammer an Emil Welti, 9. November 1872, in: DDS II, S. 693–694; Schreiben Giovanni Battista Pioda an Emil Welti, 15. November 1872, in: DDS II, S. 696–699; Schreiben Giovanni Battista Pioda an Emilio Visconti-Venosta, 23. Dezember 1872, in: DDS II, S. 715 ; Emil Welti an Alfred Escher, 24. August 1872; Telegramm Clemente Maraini an Escher, [Oktober 1872] (BAR J I.2) .

8 Obwohl in den Statuten der Gotthardbahn-Gesellschaft lediglich ein jährlicher Bericht vorgesehen war, verlangte der Bundesrat monatliche Berichte über den Fortschritt der Bauarbeiten und vierteljährliche Geschäftsberichte der Direktion der Gotthardbahn-Gesellschaft. Die Direktion bat den Bundesrat, von den vierteljährlichen Direktionsberichten abzusehen. Der Bundesrat bestand aber auf der regelmässigen Berichterstattung, woraufhin die Direktion einlenkte. Vgl. Prot. Dir. GB, 3. Oktober 1872 (S. 636–639), 4. November 1872 (S. 733–735); Prot. BR, 1. November 1872; Prot. BR, 29. November 1872; Prot. BR, 20. Januar 1873; Statuten GB, Art. 8; Geschäftsbericht GB 1872, S. 14–15; Schreiben BR an deutsches Kanzleramt und italienische Regierung, 29. November 1872, in: DDS II, S. 701–704; Jung, Aufbruch, S. 592–595.

9Gemeint ist wohl die Gotthardbahnkommission des Bundesrates.