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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2642 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 183

Alfred Escher an Emil Welti, Zürich, Montag, 28. Oktober 1872

Schlagwörter: Bundesrat, Eisenbahnanschluss an ausländische Netze, Gotthardbahnprojekt

Briefe

Hochverehrter Herr & Freund!

In Beilage beeile ich mich, Ihnen die Abschrift einer Depesche1 Maraini's zu übermitteln.

Diesen Augenblick erhalte ich Ihr gestriges geschätztes Schreiben2. Ich verdanke Ihnen die in demselben enthaltenen Mittheilungen über die Situation in Italien bestens.

Ich erinnere mich in der That nicht, von Ihnen vernommen zu haben, daß Hr. Schenk sich gegen Ihren Antrag, die Competenzen des Bundes hinsichtlich der Genehmigung des Tracé's des Gotthardbahnnetzes durch ein Regulativ grundsätzlich zu fixiren, ausgesprochen habe.3 Ich muß Ihre daherige Mittheilung überhört haben. Soll nun aber der Widerspruch des Hrn. Schenk ge| nügen, um einen Antrag aufzugeben, der auf den besten Gründen beruht? Ich würde es sehr bedauern, wenn die Verhältnisse im Bundesrathe so beschaffen wären, daß sie dieß nothwendig machen würden!

Ich denke, die Vorlage des Tracé's der sämmtlichen Tessin'schen Thalbahnen an den Bundesrath werde bald nach der Mitte des nächsten Monates erfolgen können.4 Es wird dabei hinsichtlich des Anschlusses der Gotthardbahn an die Verbindungsbahn CamerlataChiasso von einer Supposition ausgegangen werden müssen, da über diesen Punct trotz der Schritte, die der Bundesrath gethan haben wird, zur Zeit noch völlige Ungewißheit herrscht.5

Mit freundschaftlicher Hochachtung

Ihr

Dr A Escher

Zürich 28 Octr 1872.

Kommentareinträge

1 Vgl. Telegramm von Clemente Maraini an Escher, Oktober 1872 (BAR J I.2).

2Brief nicht ermittelt.

3Der Staatsvertrag von 1869 legte die Verantwortlichkeit des Bundes beim Bau der Gotthardbahn fest. Am 21. Oktober 1872 beschloss der Bundesrat auf Anfrage der Direktion der Gotthardbahn-Gesellschaft, sich mit dieser über einen Modus vivendi betreffs der auf den Tunnelbau bezüglichen Fragen zu verständigen. Vgl. Prot. BR, 21. Oktober 1872; Robert Gerwig an Alfred Escher, 31. März 1872, Fussnote 8.

4Am 21. Oktober befand der Bundesrat, dass der Baubeginn bei den Tessiner Tallinien fristgerecht erfolgt sei. Die von Escher angekündigte Vorlage von Situationsplänen und Längenprofilen geschah mit Zuschrift vom 21. November. Der Bundesrat erteilte den Planvorlagen am 10. Februar 1873 unter Vorbehalt die Genehmigung, nachdem die Direktion der Gotthardbahn-Gesellschaft dreimal eine beförderliche Behandlung empfohlen hatte. Vgl. Prot. BR, 21. Oktober 1872; Prot. BR, 10. Februar 1873.

53 Jahre nach ihrer Konstituierung sollte die die Gotthardlinie erstellende Gesellschaft gemäss Staatsvertrag von 1869 die Linie von Lugano nach Chiasso vollendet haben. Zugleich verpflichtete sich Italien, zum selben Zeitpunkt eine Anschlussbahn von Chiasso nach Camerlata gebaut und in Betrieb gesetzt zu haben. Von Camerlata/Albate führte bereits Ende 1860 eine Eisenbahnverbindung nach Mailand. Die Direktion der Gotthardbahn-Gesellschaft befürchtete eine unzweckmässige Anlage der Verbindungsstrecke ChiassoComoCamerlata, da die Frage des Anschlusspunktes in Chiasso, wo die Strecke der Gotthardbahn-Gesellschaft mit jener der Strade Ferrate dell'Alta Italia zusammentreffen sollte, noch nicht geklärt war. Vgl. Staatsvertrag Gotthardbahn 1869, Art. 3; Prot. BR, 29. Mai 1872; Prot. BR, 5. Juli 1872; Prot. BR, 23. September 1872; Prot. BR, 28. Oktober 1872; Geschäftsbericht GB 1872, S. 14; Maggi, Ferrovie, S. 35.

Kontexte