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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2632 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#547*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 181 | Jung, Aufbruch, S. 599 (auszugsweise)

Emil Welti an Alfred Escher, s.l., Samstag, 24. August 1872

Schlagwörter: Gotthardbahnprojekt, Gotthardtunnel, Mont-Cenis-Bahn, Personelle Angelegenheiten, Rechtliches

Briefe

Hochgeehrter Herr u Freund

Herr Melegari1 fängt an sich ganz unleidlich zu geberden.2 Ich will Sie mit den Expectorationen verschonen, deren Opfer ich seit einigen Tagen bin und nur zwei Puncte hervorheben, die er besonders betont und die ihm möglicherweise von Italien aus insinuirt worden sind. In erster Linie behauptet er, es biete Hr Favre keinerlei | Garantie, dass er seiner Aufgabe gewachsen sei, er sei ein ouvrier, ein conducteur de travaux, ein kleiner entrepreneur etc. Ich halte es für durchaus nötig, dass man sich in dieser Beziehung wappne und von competenten Leuten Urteile beibringe, welche man den Italienern unter die Augen stellen kann. Ich habe bereits durch unsere Gesandtschaft in Paris Erkundigung bei Herrn Audibert3 einziehen lassen, deren Resultat sehr günstig ausgefallen ist. Von Herrn Ruelle4 | u Jaquemin5 stehen die Berichte noch aus. Ein zweiter Punct betrifft die Interpretation der Erklärung vom 26. Mai 1871.6 Hr M. behauptet steif u fest, auch wenn der Tunel vertragsweise zur Ausführung übergeben werde hätte das technische Personal des Mont-Cenis das Recht bei den Arbeiten verwendet zu werden, ohne gezwungen zu sein als Contrahent in den Vertrag einzutreten.7 Die Clausel «toute fois il demeure entendu etc.» beziehe sich nur auf den Fall, dass das | Mont-Cenis Personal es vorziehen sollte in den Vertrag einzutreten statt sich bloss anstellen zu lassen. Ich habe mich des bestimmtesten gegen eine solche Interpretation ausgesprochen, ohne dass jedoch meine Gründe den geringsten Eindruck auf Hr. M. gemacht hätten. Ich glaube es ist den Herrn darum zu thun persönlich unterzukommen, nachdem der andere Weg fehl geschlagen hat u es sollen nun alle Mittel ins Werk gesetzt werden um wenigstens zu diesem Ziel zu gelangen. So viel ist sicher, dass wir Unannehmlichkeiten entgegen gehen.

Ihr ergebenster

E Welti

24. 8. 72.

Kommentareinträge

1 Luigi Amedeo Melegari (1805–1881), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister des Königreichs Italien in Bern.

2Bereits einige Tage zuvor erklärte Melegari Welti, «die Vergebung des Tunels an Favre [habe] in Italien und zunächst bei der Societät Grattoni sehr bedeutend Staub aufgeworfen» . Diese habe sich bereits an das italienische Ministerium gewandt. Welti schrieb Escher, Melegari habe sich offensichtlich «die fixe Idee einschwazen lassen, es sei Niemand als diese Italiener im Stande das Werk zu Ende zu führen u dann macht er sich darüber lustig, dass die Gottharddirection auf die Mithilfe von Colladon abstelle, ‹dessen italienische Decoration nur dazu gedient habe um die italien. Concurrenz fern zu halten›» . Emil Welti an Alfred Escher, 14. August 1872. – Welti berichtete auch im Bundesrat über die negativen Äusserungen Melegaris, nachdem Giovanni Battista Pioda mitgeteilt hatte, der italienische Aussenminister habe die Eröffnung der Genehmigung des Vertrags mit Louis Favre nicht freundlich aufgenommen. Vgl. Prot. BR, 28. August 1872; Schreiben Giovanni Battista Pioda an Emil Welti, 27. August 1872, in: DDS II, S. 678–679.

3Vermutlich Edmond Audibert (1820–1873), französischer Ingenieur, Direktor der Compagnie des chemins de fer de Paris à Lyon et à la Méditerranée.

4Vermutlich Adrien Ruelle (1815–1887), französischer Ingenieur. – Favre erstellte unter Ruelle verschiedene Eisenbahnbauten. Vgl. Wägli, Favre, S. 25; Moeschlin, Gotthard, S. 335.

5 Jacquemin (Vorname und Lebensdaten nicht ermittelt), französischer Ingenieur, ehemaliger Direktor der Compagnie de Lyon–Genève. – Favre erstellte unter Jacquemin verschiedene Eisenbahnbauten. Vgl. Wägli, Favre, S. 22; Moeschlin, Gotthard, S. 335.

6Gemeint ist die Erklärung des Bundesrats, in der er eine Beteiligung des Personals vom Mont-Cenis-Tunnelbau beim Bau des Gotthardtunnels in Aussicht stellte. Die Gotthardvereinigung, Absatz 37.

7Im Vertrag betreffend die Ausführung des grossen Gotthardtunnels von 1872 war die Möglichkeit vorgesehen, dass das bei der Durchbohrung des Mont-Cenis tätige technische Personal zur Hälfte in die Rechte und Pflichten des zwischen Favre und der Gotthardbahn-Gesellschaft abgeschlossenen Vertrags eintrete. Damit würden das fragliche technische Personal und Favre zu solidarisch verpflichteten Mitkontrahenten der Gotthardbahn-Gesellschaft. Für das Einlösen dieser Option war eine Frist von 4 Wochen gesetzt. Vgl. Vertrag Gotthardtunnel, Art. 13; Die Gotthardvereinigung, Absatz 56.