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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2628 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#186* (Abzug)

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 180

Alfred Escher an Emil Welti, Zürich, Dienstag, 23. Juli 1872

Schlagwörter: Bundesrat, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Gotthardtunnel, Tunnelbau

Briefe

Hochverehrter Herr & Freund!

Leider muß ich Sie mit dem «Lang weiler» behelligen. K. war heute Morgen auf unserm Bureau, als eben der Ober ingenieur mit mir arbeitete. In Folge dessen verhandelte K. mit dem Hülfsper sonal des H. Gerwig. Das Ende vom Liede war, daß er den mündlichen Auf trag hinterließ, es solle betreffend die Tunnelausmündung in Airolo ein neues Project ausgearbeitet werde. Ger wig ist darüber in Feuer & Flammen. Er sagt, die Ausarbeitung eines neu en Projectes werde etwa 3 Wochen in Anspruch nehmen; mittlerweile | habe man keine feste Grundlage für den Vertragsabschluß; der letztere, in allen Richtungen vorbereitet, sollte ohne Ver zug Statt finden können, schon um den Grattoni'schen1 Intriguen, von denen wir bereits genug zu leiden hatten, ein Ziel zu stecken u. s. f. Ich kann nur bestäti gen, daß es von allen Standpuncten aus geboten ist, baldmöglichst aus dem Felde zu kommen, & ich erlaube mir daher, Sie von der Sachlage zu unterrichten & damit die Bitte zu verbinden, diesen fortgesetzten Verzögerungen ein Ende zu machen. Ich bin Morgen Vormittag (Mitwoch) in Luzern & wäre Ihnen für eine tröstende Depesche dorthin (Schweizerhof) sehr verbunden.

Der Vertrag betreffend Vergabung des großen Tunnels an Favre ist sammt | seinen Beilagen (Bedingnißheft, Kosten voranschlag & Pläne) auf Grundlage der bisher in Sachen gepflogenen Verhand lungen redigirt.2 Ich erwarte F. auf heu te Nachmittag 2 Uhr. Er kommt von Genf & bringt, wie er mir vorläufig telegra phirt, die noch fehlenden Erklärungen betreffend die Cautionsbestellung mit.3 Wenn dieß wirklich der Fall ist, was ich nach allem, was von Grattoni'scher Seite bisher gesponnen worden ist & fortwäh rend noch gesponnen wird, freudig begrü ßen würde, so fände sofort die Schlußver handlung mit F. betreffend die ab schließliche Feststellung des Wortlautes des Vertrages Statt. Ich würde mir dann erlauben, Ihnen Copieen des Vertrages & seiner Beilagen nach Maaßgabe des Vorrückens des Abschreibens zustellen zu lassen, & möchte Sie bitten, mich, beziehungs | weise Herrn Gerwig, wenn Sie vom Stand puncte des Bundesrathes aus Einwendun gen zu machen im Falle wären, auf Frei tag oder spätestens Samstag früh nach Bern oder Olten citiren zu wollen. Am Sam stag Abend soll, da rasches Vorgehen von allen Standpuncten aus angezeigt ist, die Direction der Gotthardbahn ihre Ent scheidung über den Vertrag treffen.4

Entschuldigen Sie meine Zudringlich keit mit der treibenden Gewalt der Umstände & seien Sie herzlich gegrüsst von

Ihrem freundschaftlich

ergebenen

Dr A Escher

Zürich
23. Juli 1872.

Kommentareinträge

Nachträgliche Adresse oben links auf Seite 1 von Eschers Hand mit Bleistift: « Hr. Bundespräsidenten Welti, Bern

1 Severino Grattoni (1815?–1876), italienischer Ingenieur, Verwaltungsratspräsident der Società Italiana di Lavori pubblici; zusammen mit den Ingenieuren Germano Sommeiller (1815–1871) und Sebastian Grandis (1817–1892) führend am Bau des 1871 eröffneten Mont-Cenis-Tunnels beteiligt.

2 Vgl. Vertrag Gotthardtunnel; Die Gotthardvereinigung, Absatz 54.

3Die Bedingungen für die Kautionsleistung waren im Vertrag mit Favre festgehalten: «Herr Louis Favre leistet der Gotthardbahngesellschaft bei Unterzeichnung dieses Vertrages eine Kaution von acht Millionen Franken in Baar oder in Werthschriften, über deren Annehmbarkeit die Direktion der Gotthardbahn zu entscheiden hat. [...] Die Kaution haftet der Gesellschaft für die Erfüllung aller und jeder Herrn Louis Favre in Folge dieses Vertrages obliegenden Verpflichtungen, sowie für den Ersatz jedweden Schadens, welcher von Herrn Louis Favre der Gesellschaft aus irgend welchem Grunde zugefügt worden sein mag.» Vertrag Gotthardtunnel, Art. 8. Vgl. Prot. Dir. GB, 27. Juli 1872 (S. 453–455).

4 Vgl. Prot. Dir. GB, 27. Juli 1872 (S. 451–453).