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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B2624 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#119*

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Dienstag, 11. Juni 1872

Schlagwörter: Assemblée Nationale, Bundesgericht, Demissionen, Reisen und Ausflüge, Schweizerische Bundesverfassung, Ständerat, Vereinigte Bundesversammlung, Wahlen

Briefe

Glarus den 11. Juni 1872.

Mein theurer Freund!

Mit großem Vergnügen habe ich durch meinen Schwager, welcher Dich in Bern gesehen, vernommen, daß Du Dich wieder vollkommen gesund u. wohl befindest u. somit die Dir vom Arzte empfohlne Erholungsreise ihren Zweck erreicht hat. Es freut mich von ganzem Herzen, daß Du Dich nun der großen Lebensaufgabe, die Du Dir gesetzt, wieder ganz u. ungestört widmen kannst. Auch ich bin nun gestärkt in den letzten Tagen von einer interessanten Erholungsreise zurückgekehrt, welche ich mit meiner l. Frau nach Paris gemacht habe; ich bedurfte derselben nicht wegen meiner körperlichen Gesundheit, wohl aber wegen des niederschlagenden Eindruckes, den die ganze unglückliche Revisionsgeschichte auf mein Gemüth gemacht hatte. An Mühe u. Arbeit hatte ich es nicht fehlen lassen, um die Revision zu einem glücklichen Ende zu führen; da kam in den letzten Tagen, ehe wir in Bern auseinandergingen, der unselige Beschluß, in globo abstimmen zu lassen,| der alle meine Hoffnungen auf Annahme zum voraus geknickt hat. Es war beinahe undenkbar, daß bei der Totalabstimmung sich eine Mehrheit von Standesstimmen ergeben werde, u. es wäre daher mir unbegreiflich, wie die Mehrheit der Revisionsfreunde dafür stimmen konnte, sich auf so muthwillige Weise eine Niederlage zu bereiten, wenn nicht bei unsrer Linken der Hintergedanke gewaltet hätte, im Falle einer ansehnlichen Volksmehrheit, auf die man sicher rechnete, einen Staatsstreich auszuführen u. sich über die Ständemehrheit hinwegzusetzen. Wäre gruppenweise abgestimmt worden, so hätten wir sicherlich nicht umsonst gearbeitet, sondern es wären die meisten u., vielleicht mit Ausnahme der Rechtseinheit, die wichtigsten Revisionsvorschläge angenommen worden; jetzt muß man es gewissermaßen noch als ein Glück betrachten, daß auch die Mehrheit des Volkes verworfen hat, indem damit aller Vorwand zu ungesetzlichen Schritten hinweggefallen ist.

Doch, ich habe nicht um dieser politischen Betrachtungen willen die Feder ergriffen, sondern weil ich mich gewissermaßen verpflichtet fühlte, Dir die Gründe anzugeben welche mich bewogen, an unsrer Landsgemeinde von der seit bald 24 Jahren bekleideten Ständerathsstelle zurück| zutreten. Ich kann mich in dieser Beziehung auf eine Unterredung berufen, die ich im Dezember 1868 auf unsrer Heimreise von Bern im Eisenbahnwagen mit Dir hatte, deren Du Dich aber kaum mehr deutlich erinnern wirst. Ich kündigte Dir schon damals meinen Entschluß an, bei der bevorstehenden Erneuerrungswahl zurückzutreten, weil ich das ewige Einerlei der Geschäfte in der Bundesversammlung satt habe u. das Leben in der Bundesstadt mich auch in geselliger Beziehung viel weniger anspreche als dieß in frühern Jahren der Fall war. Wenn ich denn im Mai 1869 jenen Entschluß noch nicht ausführte, so geschah dieß lediglich im Hinblicke auf die bereits damals im Wurfe liegende Bundesrevision, welche mir ein besonderes Interesse einflößte u. bei der ich mit meinen Erfahrungen etwas nützen zu können hoffte. Nachdem ich nun meine Leidenschaft für's Revidiren in der letzten Zeit hinlänglich befriedigt habe, wirst Du begreifen, daß ich auf meinen frühern Entschluß zurückgekommen bin. Derselbe wäre auch dann motivirt gewesen, wenn – für mich unerwarteter Weise – die neue Bundesverfassung angenommen worden wäre; denn bei der schönen u. wichtigen Stellung, die man in derselben dem Bundesgerichte anweisen wollte, hätte ich diese Behörde dem Ständerathe bei Weitem vorgezogen u. bekanntlich hätte ich nicht mehr beide Stellen zugleich bekleiden | können. Noch mehr aber finde ich nun meinen Entschluß gerechtfertigt, da die Bundesverfassung verworfen ist; denn mir mangelt gänzlich die Lust zu neuen Revisionsversuchen, bei welchen schon wegen der erforderlichen Volksabstimmung allein, dann noch mehr wegen der als nothwendig vorgeschriebnen Ständemehrheit die Chancen immer auf Seite der Verwerfung größer als auf Seite der Annahme seyn werden. Was aber die laufenden Geschäfte der Bundesversammlung betrifft: Postulate, Budget, Rekurse, Eisenbahnkonzessionen u. s. w., so habe ich dieselben so gründlich genossen, daß ich die Fortsetzung dieses Genusses gar wohl einem Andern überlassen darf. Mein Rücktritt wird nicht allgemein begriffen oder gebilligt werden; aber ich selbst habe ihn seit dem 5. Mai noch keinen Augenblick bereit, sondern fühle mich jetzt als freier Mann, der nicht mehr genöthigt ist, alle Jahre einige Monate in Bern zuzubringen. Das Bundesgericht, welches auch jetzt wenigstens den Vorzug kürzerer Dauer hat, wird mich immerhin mit einer Anzahl meiner bisherigen Collegen zusammenführen, u. was Dich betrifft, so hoffe ich Dich auch noch von Zeit zu Zeit zu sehen, da mir ja Zürich nicht weit abliegt.|

Wenn ich als Ziel für meine Erholungsreise Paris wählte, so geschah es zunächst darum, weil meine l. Frau die Weltstadt noch niemals gesehen hatte u. ich selbst seit 26 Jahren nicht mehr dort war, also ebenfalls viel Neues sehen konnte. Wir hatten in frühern Jahren sehr oft die Absicht hinzureisen, wurden dann aber durch meine Geschäfte oder durch nothwendige Badekuren daran verhindert. Die Zeit des größten Glanzes u. des regsten Lebens ist nun freilich für Paris vorüber, aber es bietet doch immer noch sehr viel Schönes u. Merkwürdiges dar u. für einen denkenden Reisenden ist es außerordentlich interessant, die so stolze Hauptstadt Frankreich's in einem Augenblicke zu sehen, wo die Spuren einer zweifachen Niederlage, die sie erlitten, nicht bloß äußerlich an den zerstörten Gebäuden, sondern auch in der Stimmung der Gemüther hervortreten. Letztre lernt man indessen nur all mählig kennen; beim ersten Anblicke nimmt man nur die frühere Lebenslust wahr. Daß wir von Hr. u. Frau Kern auf's freundlichste u. zuvorkommendste empfangen wurden, versteht sich von selbst; ebenso daß ich, mit seiner Karte versehen, einmal der Nationalversammlung in Versailles beiwohnte. Aber auch den beliebten Ausflug nach Rouen u. Havre unterließen wir| nicht zu machen u. bereuen es durchaus nicht, diese beiden interessanten Städte gesehen zu haben.

Hr. alt Bundesrath Dubs beglückt nun also den Kanton Zürich mit seiner Gegenwart u. nächstens auch mit seiner politischen Thätigkeit; gratulire dazu! Nach seiner neuesten publizistischen Kundgebung zu schließen, muß der Mann gänzlich «aus dem Häuschen» seyn, wie man bei uns zu sagen pflegt. Daß er auch nach unserm Kanton seine Fangarme ausgestreckt u. sich auf rührende Weise unsrer «Geißen» erbarmt hat, wirst Du wohl gehört haben.

Mit dem herzlichen Wunsche, daß es mit Deiner Gesundheit fortwährend recht wohl gehen möge, grüßt Dich bestens

Dein treuer Freund

J J Blumer.