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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2623 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#547*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 179

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Montag, 10. Juni 1872

Schlagwörter: Bundesrat, Eisenbahnen Bau und Technik, Eisenbahnen Verträge, Gotthardbahnprojekt, Rechtliches, Staatsverträge

Briefe

Mein verehrtester Freund

Ich hatte gestern eine lange Unterredung mit Herrn Melegari1 über verschiedene auf den Gotthard bezügliche Fragen. Derselbe sagte mir er habe «von seinen Freunden» Bericht erhalten, dass man in Italien über den langsamen Gang der Unternehmung sehr ungehalten sei, man habe ein ganzes Jahr verloren u jetzt sollen wiederum Monate für Versuche geopfert werden2, statt dass man die verlorene Zeit einzuholen trachte etc; es werde desshalb ohne Zweifel zu einer Interpellation in der Kammer kommen.3 | Ich will nicht wiederholen was ich Herrn Melgari darauf erwiederte; der Umstand dass es in sehr entschiedener Weise geschah machte die folgende Unterhaltung zu einer etwas lebhaften u ich konnte deutlich sehen, dass hinter der Sache niemand als Grattoni4 u hinter diesem vielleicht auch einzelne Mitglieder des Ministeriums stecken. Ich mache Ihnen davon Mittheilung, weil ich darin einen neuen Beweis sehe, dass uns von dieser Seite noch mancherlei Unannehmlichkeiten bevorstehen werden.

Eine zweite wichtige Eröffnung die mir Herr M. machte war diese: Er habe von dem | Minister des Auswärtigen5 eine Note erhalten, welche ihn beauftrage bei dem Bundesrath im Namen der Regierung sich dahin zu verwenden (de se prononcer pour etc.) dass bei der Anlage der Station Airolo das Project des Herrn Koller angenommen werde, welches derselbe in Florenz seinerzeit vorgelegt habe u das sich in der Zürcher-Ausgabe des italien. Rapportes in einer Note reproducirt finde.6 Herr Melegari (der übrigens nicht wusste worum es sich sachlich handelt) fühlte das Unthunliche eines solchen Schrittes u sagte mir er werde diese Note vor der Hand nicht abgeben, «weil es ihm nicht indicirt scheine in jetzigem Moment die angenommenen Pläne wieder in Frage zu stellen». |

Nach einem fruchtlosen Versuche sachlicher Aufklärung erwiederte ich Herrn Melegari, dass ich vollständig seiner Ansicht sei, er thue besser die Note nicht abzugeben. Wenn es geschehen würde, müsse der Bundesrath in seiner Antwort bestimmt darauf hinweisen, dass die Entscheidung der aufgeworfenen u aller ähnlichen Fragen in Folge des Staatsvertrages in seiner Competenz liege u dass er dafür auch ausschliesslich die Verantwortlichkeit trage.7 Wenn wir auch bereit seien Wünsche entgegenzunehmen, so müssten wir ebenso bestimmt darauf bestehen, dass die Rechtsfrage intact bleibe. Eine andere Auffassung müsste auch Deutschland berechtigen sich einzumischen u es würde ein Zustand entstehen, der unerträglich sein | würde. Bei diesen gegenseitigen Erklärungen blieb die Sache stehen u Herr Melegari fügte nur noch bei er werde mir heute persönlich von dem Inhalt der Note Kenntniss geben.

Wie nun das ital. Ministerium auf diese Frage gekommen ist, weiss ich nicht. Wahrscheinlich hat Grattoni bei seiner Anwesenheit in der Schweiz von der Differenz reden hören, welche diessfalls zwischen Herrn Gerwig u Koller bestand. In der Unterhaltung die ich mit ihm hatte war davon mit keinem Wort Rede und Herrn Koller hat Grattoni soviel ich weiss gar nicht gesehen.

Gestern erhielt ich den Bericht des Herrn Koller über die Tunel Mündungen in Göschenen u Airolo. Die Pläne von Göschenen beantragt er zu genehmigen; | dagegen beantragt er für den Bahnhof in Airolo resp. die dortige Tunelmündung noch zwei weitere vergleichende Projecte mit der Höhenlage von 1135 u resp. 1140 m zu verlangen. Er glaubt es lasse sich die Scheitelhöhe ohne Beeinträchtigung der übrigen Vorzüge des Projectes (1145 m) Gerwig noch weiter reduciren, was allerdings von Vorteil wäre.8 Der Incidenzfall mit Melegari muss uns jedenfalls vorsichtig machen. Ich werde nun heute den Bericht dem Bundesrathe vorlegen9 und will Ihnen wieder schreiben sobald ich den nähern Inhalt der ital. Note kenne.10

Mit freundschaftl. Grusse

Ihr ganz ergebenter

E Welti

Bern 10 Juni 1872.

Kommentareinträge

1 Luigi Amedeo Melegari (1805–1881), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister des Königreichs Italien in Bern.

2 Melegari bezog sich wohl auf die beabsichtigten Probebohrungen der Machine Tunnelling Company. Artikel in dem von ihm geäusserten Sinn, dass dadurch lediglich eine Verzögerung entstehe, erschienen auch in italienischen Zeitungen. Vgl. NZZ, 25. Juni 1872; Frederick Beaumont an Alfred Escher, 6. Mai 1872.

3Es konnten keine Hinweise auf eine solche Interpellation ermittelt werden.

4 Severino Grattoni (1815?–1876), italienischer Ingenieur, Verwaltungsratspräsident der Società Italiana di Lavori pubblici; zusammen mit den Ingenieuren Germano Sommeiller (1815–1871) und Sebastian Grandis (1817–1892) führend am Bau des 1871 eröffneten Mont-Cenis-Tunnels beteiligt.

5 Emilio Visconti Venosta (1829–1914), Aussenminister des Königreichs Italien.

6 Vgl. Gotthardvereinigung, Projets de chemins de fer, S. 45; Emil Welti an Alfred Escher, 6. April 1869, Fussnote 3.

7Der Staatsvertrag von 1869 legte die Verantwortlichkeit des Bundes beim Bau der Gotthardbahn fest. Robert Gerwig an Alfred Escher, 31. März 1872, Fussnote 6.

8In seiner Beschlussfassung über die Projekte der Anlage auf der Tunnelsüdseite vom 29. Juli wünschte der Bundesrat die Ausarbeitung eines weiteren Projekts mit einer Höhenlage von 1140 m über Meer, genehmigte allerdings das Projekt mit einer Höhenlage von 1145 m über Meer, falls ansonsten der Abschluss des Vertrages über die Vergabe der Tunnelarbeiten erschwert würde. Tatsächlich sah der am 7. August mit Louis Favre abgeschlossene Vertrag über die Ausführung des grossen Gotthardtunnels für das südliche Portal eine Höhenlage von 1145 m über Meer vor. Vgl. Prot. BR, 29. Juli 1872; Prot. BR, 1. November 1872; Vertrag Gotthardtunnel, Art. 1.

9 Vgl. Prot. BR, 12. Juni 1872.

10Ein diesbezüglicher Brief Weltis konnte nicht ermittelt werden.