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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2621 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#186* (Abzug)

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 178

Alfred Escher an Emil Welti, Zürich, Sonntag, 9. Juni 1872

Schlagwörter: Bundesrat, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Gotthardtunnel, Polemiken und Anwürfe (Escher), Presse (allgemein), Tunnelbau

Briefe

Zürich 9 Juni 1872.

Hochverehrter Herr & Freund!

Der Zweck dieser Zeilen ist, Herrn Oberingenieur Gerwig bei Ihnen anzumelden, der künftigen Mitwoch, Vormittags 8 Uhr, auf Ihrem Bureau vorsprechen wird, um anzufragen, zu welcher Stunde Sie ihn Behufs Behandlung einiger die Gotthardbahn betreffenden Fragen empfangen können.

Hr. Gerwig wünscht zunächst den Umfang der Befugnisse des Bundes mit Beziehung auf die Ausführung des Baues der Gotthardbahn1 zum Gegenstande einer Besprechung mit Ihnen zu machen. Ich hatte schon bei unserer Zusammenkunft in Aarau vom 14. April Gelegenheit, Sie | von diesem Wunsche des Hrn. Gerwig in Kenntniß zu setzen, & Sie hatten damals die Freundlichkeit, mir zu erklären, daß Sie zu der Erfüllung desselben Hand zu bieten geneigt seien. Hr. Gerwig macht nun von Ihrer freundlichen Zusage Gebrauch, indem er sich künftigen Mitwoch bei Ihnen einfindet.

Einen zweiten Gegenstand, den Hr. Gerwig mit Ihnen zu besprechen wünscht, betrifft die Dringlichkeit der baldigen Inangriffnahme der Arbeiten zur Herstellung des Einschnittes bei'm südlichen Eingange des großen Tunnels, bez.weise die Dringlichkeit der Genehmigung der daherigen dem Bundesrathe vorgelegten Pläne.2 Wenn die fraglichen Arbeiten nicht ohne Verzug begonnen werden können, so laufen wir Gefahr, vor dem Winter nicht mehr in das Innere des Berges zu gelangen & in Folge dessen eine ganze Jah| rescampagne zu verlieren.3

Sollten Sie verhindert sein, Hrn. Oberingenieur Gerwig künftigen Mitwoch zu empfangen, so ersuche ich Sie, mich im Laufe des morgenden Tages hievon benachrichtigen zu wollen. Würde ich während des Montags keine telegraphische Absage von Ihnen erhalten, so nähme ich an, daß der Besuch des Hrn. Gerwig Ihnen genehm sei.4

Ich kann Ihnen nicht sagen, wie das Auftreten von Dubs in der «Eidgenossenschaft» mich empört.5 Es kommt mir vor, dass er, & zwar nöthigenfalls durch die ernstesten Maaßregeln, gezwungen werden sollte, sich darüber zu erklären, welche Thatsachen er zur Erhärtung seiner unqualifizirbaren Beschuldigungen anzuführen im Stande sei. Ich denke, es würde sich dann bald herausstellen, auf welcher Seite die Verkommenheit zu suchen sei.

In freundschaftlicher Hochachtung
ganz Ihr

Dr A Escher

Kommentareinträge

Nachträgliche Adresse oben links auf Seite 1 von Eschers Hand mit Bleistift: «HH Bundespräsident Welti, Bern»

1Der Staatsvertrag von 1869 legte die Verantwortlichkeit des Bundes beim Bau der Gotthardbahn fest. Robert Gerwig an Alfred Escher, 31. März 1872, Fussnote 6.

2Der eidg. Gotthardbahninspektor Gottlieb Koller wollte die vorliegenden Pläne für den Bahnhof Airolo nicht bewilligen. Am 12. Juni 1872 genehmigte der Bundesrat die Pläne für die Richtung des Tunnels und die Höhenlage des Nordportals sowie die Bahnhofanlage in Göschenen, jedoch erst am 29. Juli jene für die Höhenlage des südlichen Eingangs und des Bahnhofs Airolo. Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 9. Juni 1872; Prot. BR, 12. Juni 1872; Prot. BR, 29. Juli 1872; Geschäftsbericht GB 1872, S. 32.

3Vorarbeiten in Regiearbeit begannen auf der Südseite des Tunnels am 2. Juli; das mit dem Tunnelbau beauftragte Unternehmen nahm seine Arbeiten am südlichen Eingang am 13. September in Angriff. Vgl. Geschäftsbericht GB 1872, S. 45; Die Gotthardvereinigung, Absatz 57.

4Welti bestätigte den von Escher vorgeschlagenen Termin für die Besprechung mit Gerwig noch am selben Tag. Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 9. Juni 1872.

5 Dubs als Vertreter der Föderalisten, der Gegner der am 12. Mai verworfenen Bundesverfassungsrevision, veröffentlichte in der «Eidgenossenschaft» einen Artikel, der massive Angriffe gegen die Revisionsbefürworter enthielt. Dubs sprach von «Stimmenkauf» , von einem «System des Terrorismus und der Korruption, welcher selbst in die geweihten Säle der Räthe der Nation eingetreten war» , von «Männern, welche an die Stelle des vaterländischen Gemeingeistes jenen schlimmsten Partikularismus, den Egoismus, gesetzt und damit allen jenen geschilderten Lastern bis hinab zur Korruption und knechtischen Kriecherei die Bahn im Lande frei gemacht haben» . NZZ, 14. Juni 1872. Vgl. NZZ, 8. Juni 1872.

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