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Korrespondenz: Alfred Escher – Gottlieb Koller

AES B2600 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#317*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 171

Gottlieb Koller an Alfred Escher, Winterthur, Donnerstag, 22. Februar 1872

Schlagwörter: Bundesrat, Gotthardbahnprojekt, Gotthardtunnel, Tunnelbau

Briefe

Winterthur den 22. Febr. 1872.

Tit. HHerrn Präsident Dr Alfr. Escher , Bern

Hochgeachteter Herr!

Mein Ergebenes vom 18. d.1 bestätigend beehre mich Ihnen mit Bezugnahme auf die Anfrage von Herrn Gelpke 2 mitzutheilen, daß für den Beginn des Tunnelbaues3 streng genommen keine weiteren geometrischen Aufnahmen mehr nöthig sind, sofern es bei der jetzt festgesetzten Tunnelachse sein Verbleiben hat. Nur ist es nöthig, daß die bisherigen Aufnahmen in Goeschenen & Airolo bald zusammengestellt & namentlich auf den gleichen Horizont bezogen werden, wofür die erforderlichen Notizen sich auf den Planen befinden.4Auch müßte von Herrn Gelpke die jetzige Tunnelachse genau eingetragen werden. –5

Wenn auch nicht absolut nöthig, so wäre doch für die Beschleunigung der unmittelbar vorzunehmenden Plannahmen sehr wünschenswerth, daß von Goeschenen abwärts sofort die Triangulation an Hand genommen & gleich hinterher die Planaufnahme im gleichen Maßstab wie die von Airolo bis Dazio grande 6 folgen würde. – Es muß dem zukünftigen Oberingenieur nämlich erwünscht sein vom Tunnel ausgehend so viel Auf nahmen als möglich vorzufinden, indem sich daraus die Höhenlage des| Tunnels auf der Goeschener seite besser bestimmen läßt. –7

Besagte Triangulation muß unter allen Umständen & vor allen Dingen angeordnet werden & je eher dies geschieht, desto angenehmer kann es nur dem zukünftigen Oberingenieur sein. – Vielleicht ist aber auch die Wahl schon getroffen bis Hr. Gelpke an Ort & Stelle sich verfügen kann. - 8

Bezüglich der Stelle beim Bundesrath9 wäre es mir jedenfalls lieb bald die bezügl. Bedingungen zu kennen, namentlich zu wissen, ob dieselbe den Wegzug von Basel verlangen würde, in welchem Fall ich wahr scheinlich nicht darauf reflektiren würde. – Doch muß ich mir natürlich die ganze Position vorerst klar machen können.

Mit vollkommener Hochachtung & Ergebenheit

G. Koller Ing

P. S. Darin werden Tit wohl mit mir ganz einverstanden sein, daß ich mich nur dann melden könnte, wenn ich der Wahl ganz sicher bin.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2 Otto Gelpke (1840–1895), aus Sachsen stammender, in Bern niedergelassener Ingenieur; ab 1. Mai 1872 Vorstand der topographischen Abteilung der Gotthardbahn-Gesellschaft. – Gelpke hatte im Sommer 1869 bereits die Vermessung und «Aussteckung der Achse» des Gotthardtunnels übernommen. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 21. Juni 1869. Vgl. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 2. Juli 1869; Geschäftsbericht GB 1872, S. 33.

3Wort nachträglich von Eschers Hand mit Bleistift unterstrichen.

4 «Die topographischen und Katasteraufnahmen werden durch Triangulation in das Koordinatensystem, welches die Sternwarte in Bern zum Nullpunkte hat, eingefügt. Alle Höhenbestimmungen gehen von Punkten des Präzisionsnivellementes aus und alle Höhen werden in Meter über Meeresspiegel ausgedrückt.» Geschäftsbericht GB 1872, S. 31.

5Ganzer Absatz nachträglich von Eschers Hand mit Bleistift markiert mit Notiz: «besorgt, bald fertig.»

6 Dazio Grande (ital., grosser Zoll), 1561 fertiggestelltes Zollhaus am Eingang der Piottino-Schlucht bei Rodi-Fiesso, heute Gemeinde Prato, Bezirk Leventina, Kanton Tessin. Vgl. Dazio Grande online, Der Dazio Grande. Seine Geschichte.

7Ganzer Absatz nachträglich von Eschers Hand mit Bleistift markiert mit Notiz: « v. Göschenen bis Wasen. H. Gelpke wird dieß anordnen.»

8 Gelpke schildert die Geschichte der Triangulation der Achse des Gotthardtunnels in einem Aufsatz in der «Zeitschrift für Vermessungswesen» des Deutschen Geometervereins von 1880. Darin erwähnt wird auch eine im Frühjahr 1872 erfolgte leichte Verschiebung der Tunnelachse. Vgl. Gelpke, Richtungsverificationen.

9Gemeint ist die Stelle eines vom Bund angestellten Inspektors der Gotthardbahnbauten. Emil Welti an Alfred Escher, 11. April 1872; Friedrich Schweizer an Alfred Escher, 10. Mai 1872.