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Korrespondenz: Alfred Escher – Oswald Heer

AES B2572 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#253*

Oswald Heer an Alfred Escher, Lausanne, Sonntag, 5. November 1871

Schlagwörter: Freundschaften, Kuraufenthalte, Mont-Cenis-Bahn

Briefe

Mornex prés Lausanne den 5 Nov. 1871.

Mein lieber Freund!

Bald nach dem schönen u. genussreichen Abend, welchen ich in Deiner Umgebung zugebracht habe, bin ich nach Lausanne verreist, um bei meinem guten Bruder Samuel eine Traubenkur zu machen. Ich hoffte zuversichtlich damit meine Sommerkuren vervollständigen u. auf den Winter nach Zürich zurückkehren zu können. Leider stellte sich aber bei Eintritt der kältern Jahreszeit der Hustenreitz wieder ein u. da derselbe nicht nachlassen wollte, habe ich den Zureden meiner Freunde Arnold Escher u. Dr. DelaHarpe nachgegeben u. mich entschlossen für den Winter nach Italien zu ziehen. Es war diess für mich ein schwerer Entschluss, da ich eine wahre Sehnsucht hatte in mein stilles Heim zurückzukehren u. meine Arbeiten wieder aufzunehmen. Da ich es nicht über mich gebracht hätte allein nach Italien zu gehen u. über den ganzen Winter von meiner Frau u. Tochter getrennt zu sein, werden sie mich begleiten. Wir werden nach Pisa gehen u. hoffen da eine bescheidene Wohnung zu finden, in der wir uns einkaufen können. Ich habe diesen Entschluss gefasst, weil ich die Besorgniss habe, dass der Winter in Zürich zugebracht mich wieder in denselben Zustand versetzen würde, in welchem ich letzten Frühling war, während ich hoffen darf in einem wärmern Klima meine Gesundheit wieder zu gewinnen u. so neu gekräftigt im Frühling mein Ammt wieder antreten zu können. Ich darf mir keine Illusionen machen, dass ich genöthigt wäre im Frühling meine Stelle aufzugeben, wenn ich im nächsten Semester nicht fähig wäre meine Collegien zu halten. Ich will wenigstens nichts verabsäumen, was in meinen Kräften steht, um diess zu verhüten, der Erfolg freilich steht in Gottes Hand!

Der Entschluss nach Italien zu gehen wurde erst spät gefasst u. bin nun | sehr mit den Vorbereitungen zur Reise u. Abschluss verschiedener litterarisch. u. ammtlicher Arbeiten (Rechnungen, Jahresberichte) beschäftigt, sonst hätte Dir schon früher einige Zeilen zugeschickt um Dir auch von meiner Seite meiner herzlichsten Glückwünsche zu sagen, dass Du das hohe Ziel, dem Du seit Jahren mit so bewundernswerther Energie u. nie ermüdender Geistesarbeit zugestrebt , nun glücklich erreicht hast. Wie der Bergsteiger, wenn er nach unendlichen Mühen u. Gefahren eine noch von keinem menschlichen Fuss betretene Gebirgszinne bezwungen, mit unnennbarer Freude den zurückgelegten Weg überschaut, so wirst nun auch Du, mein lieber Freund, von der Höhe die Du erreicht hast, voll Freuden auf all' die Mühe u. Arbeit, auf all' die Schwierigkeiten, welche die Natur u. die Bosheit der Menschen Dir in den Weg gelegt haben, zurückschauen. Der Gipfel dieses geistigen Gotthardes, den Du erstiegen hast, ist so viel höher als der des Berges in Natura, als der Geist höher ist als die Materie u. Deine Erreichung dieses Zieles wird für Jahrhunderte hinaus Segen verbreiten über unser ganzes Land. Es wird ein monumentum aere perennius für Dich für alle Zeiten sein! Bei allen grossen Erfolgen, die Dir zu Theil werden, schweben mir unwillkürlich Deine Familienglieder vor Augen, die nicht mehr unter uns sind, u. die Dich mit so inniger Liebe umgeben haben. Ist es seligen Geistern vergönnt, in unsere kleine Welt hineinzusehen, werden sie Dir gewiss freundlich zugelächelt haben u. Gott mit uns danken, dass er auf Deine Arbeit seinen Segen gelegt hat. Möge er Dich erhalten, dass Du das grösste Werk, welches in diesem Jahrhundert in unserm Lande ausgeführt wird, in seiner Vollendung sehen kannst!

Ich hätte gerne noch Herrn u. Frau Stockar geschrieben, um | Ihnen einen Abschiedsgruss zu sagen, leider fehlt es mir aber jetzt an Zeit dazu, Du bist wohl so freundlich ihnen meine besten Grüsse zu sagen. Ich hoffe, dass der gute Erfolg der Kur von Mammern auch über den Winter anhalte.

Wir haben den Tag der Abreise noch nicht festgesetzt, weil wir die Vorbereitungen zur Reise noch nicht fertig haben; jedenfalls können wir vor Mitte dieses Monats nicht abreisen u. werde nicht nach Zürich zurückgehen; sondern meine Frau u. Tochter hier erwarten, indem wir durch den Mt. Cenis nach Turin fahren werden.

Auch jenseits der Alpen (also als wahrer Ultramontaner) werde immer Deiner gedenken, wenn ich auf der Karte die Gebirgskette ansehe, welche uns trennt, deren trennende Wirkung Du aber aufheben willst.

In der frohen Hoffnung Dich nächsten Frühling gesund u. wohl wiederzusehen u. Dir das herzlichste Lebewohl zurufend

Dein treu ergbr

Oswald Heer