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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2564 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#547*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 162 | Jung, Aufbruch, S. 677–678

Emil Welti an Alfred Escher, s.l., Samstag, 21. Oktober 1871

Schlagwörter: Bundesrat, Gotthardbahnprojekt, Polemiken und Anwürfe (Escher)

Briefe

Verehrtester Herr und Freund

Vor allem muss ich einen Irrthum berichtigen den ich in meinem letzten Briefe begangen habe. Meine beiden Herrn Collegen1 haben mir seither erklärt, dass die Rücksprache welche unserseits mit Ihnen noch genommen werden soll, «sich nicht auf die Ergänzung der Statuten zu beziehen habe, sondern lediglich auf Ihre persönliche Stellung in der künftigen Verwaltung».2 Ich enthalte mich in dieser Beziehung einer jeden weitern Betrachtung und kann | im Allgemeinen nur so viel sagen, dass die Erfahrungen welche ich in der letzten Zeit gemacht habe mich in hohem Grade missstimmen. Kleinliche Mäkelei, Intrigue und Leidenschaft machen sich an allen Ecken geltend und erfüllen den, welchem es um die Sache zu thun ist mit Eckel und Widerwillen. Ich wende mich von diesen Dingen ab und mache Ihnen noch folgende Mittheilungen:

Nach allem was ich in den letzten Tagen vernommen habe dürfen Sie es als Thatsache betrachten, dass von der | Gotthardvereinigung der Sitz nach Luzern verlegt werden wird. Auch für die Theilung nach der Bau und Betriebszeit ist nichts zu hoffen. Der Bundesrath wird den daherigen Beschluss einfach genehmigen.3

Im Weitern betrachte ich es als ebenso sicher, dass die Stelle eines Directors einer dritten Bahn mit der Direction der Gotthardbahn als unvereinbar erklärt wird und ich glaube dass sich dagegen auch gar nichts sagen lasse.4 |

Bei diesen beiden gegebenen Voraussetzungen bin ich nun persönlich völlig im Unklaren was weiter geschehen soll, so lange ich nicht weiss was Sie dazu sagen und welche Stellung Sie einnehmen werden. Ich will Ihnen gar keine indelicate Zumuthung machen, aber wenn ich diese Frage an Sie stelle, so habe ich wenigstens die Legitimation dazu, dass ich weiss, dass es jedenfalls niemand besser mit Ihnen u mit dem grossen Unternehmen meint als ich. Weitere Mittheilungen verspare ich auf unser nächstes Zusammentreffen.

Ihr ergebenster

E Welti

21. Oct. 1871.

Kommentareinträge

1Gemeint sind die beiden anderen Mitglieder der Gotthardbahnkommission des Bundesrates, Jakob Dubs und Karl Schenk.

2Am 27. Oktober richtete Welti im Auftrag der Gotthardbahnkommission des Bundesrates das Gesuch an Escher, er möchte sich entschliessen, an die Spitze der Direktion der Gotthardbahn-Gesellschaft zu treten. Welti schrieb, er unterziehe sich diesem Auftrag gerne, doch geschehe «es nicht in der albernen Meinung als ob meine Vorstellungen auf Ihren Entschluss einzuwirken im Stande wären; aber ich würde gleichwol meine Pflicht gegen die grosse Unternehmung zu verletzen glauben wenn ich nicht mein Möglichstes versuchen wollte» . Emil Welti an Alfred Escher, 27. Oktober 1871.

3Die ständige Kommission der Gotthardvereinigung bestimmte am 23. Oktober Luzern zum Sitz der Gesellschaft; das von Escher geleitete Erste Departement mit den damit verbundenen Mitarbeitern hingegen wurde in Zürich angesiedelt. Anton Wapf an Alfred Escher, 25. Oktober 1871; Die Gotthardvereinigung, Die Gotthardbahn: Geschäftssitz und Organisation.

4Um diese in den Statuten der Gotthardbahn-Gesellschaft festgehaltene Bedingung zu erfüllen, trat Escher per Ende Jahr als Direktor der Schweizerischen Nordostbahn zurück. Statt dessen liess er sich in den Verwaltungsrat der Schweizerischen Nordostbahn wählen und übernahm das Amt des Verwaltungsratspräsidenten. Vgl. Statuten GB, Art. 47; Geschäftsbericht NOB 1871, S. 53–54; Prot. VR NOB, 22. März 1872 (S. 332–333); Jung, Aufbruch, S. 592.