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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2562 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#547*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 161

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Mittwoch, 18. Oktober 1871

Schlagwörter: Bundesrat, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt

Briefe

Hochgeehrter Herr u Freund

Auf die telegraph. Anfrage des Herrn Zingg, ob die bundesräthliche Commission sich mit derjenigen des Gotthardausschusses wegen der Sitz u Organisationsfrage ins Benehmen setzen wolle1, hat heute die erstere Berathung gepflogen und beschlossen: sich durch meine Person bei den daherigen Berathungen vertreten zu lassen in der Meinung jedoch dass ich mich lediglich darauf be| schränken soll mich von den Anschauungen und Wünschen der Gotthard commission zu unterrichten und darüber an die bundesräthl. Commission zu referiren, woraufhin dann diese ihre Meinung ebenfalls aussprechen werde. Auf meinen Wunsch hin dass sich meine Collegen wenigstens zur gegenseitigen Orientirung über die brennenden Fragen aussprechen möchten geschah diess heute zum ersten Mal. Herr Dubs erklärte dass er sich für | Zürich ausspreche, wenn er auch zugeben müsse dass die Sache für Luzern bereits entschieden sei; Herr Schenk dagegen erklärte sich für Luzern. Unmittelbar nach der Sitzung erfuhr ich im weitern dass auch die Herrn Challet2 u Näf3 entschieden für Luzern seien. Mein eigener Vorschlag dass man wenigstens während der Bauzeit Zürich als Sitz bezeichne fand keinen Anklang, obschon man nichts dagegen einzuwenden wusste. | Ein förmlicher Beschluss wurde nicht gefasst. In Bezug auf das weitere Procedere dagegen einigte man sich dahin, dass auch Sie um Ihre Meinung über die Organisationsfrage angegangen werden sollen, bevor unsere Commission einen Antrag an den Bundesrath bringe, in dem der letztere den höchsten Werth darauf legen müsse, dass Sie an die Spitze der Unternehmung treten. Über diese Allgemeinheiten kam man aber nicht hinaus; die beiden Herren erklärten sich erst | dann einlässlich aussprechen zu wollen, wenn bestimmte Vorschläge von der andern Seite vorliegen, wie diess bis jetzt auch gehalten worden sei. Das ist alles was ich Ihnen sagen kann; es geht für mich mit Gewissheit soviel daraus hervor, dass der Bundesrath Luzern acceptiren wird, wenn dieser Ort gewählt werden sollte und ich denke es würde auch das Nämliche der Fall sein wenn die Wahl auf Zürich fiele.

Insofern Sie wünschen sollten | mich vor dem Zusammentritt der Commission noch zu sprechen, so gewärtige ich Ihre Einladung u überlasse Ihnen die Bestimmung von Zeit u Ort. Die Composition der Commission hat nicht nur mich sondern auch meine beiden Collegen in hohem Masse gestossen.4

Ihr ergebenster

E Welti

Bern den 18. Oct. 1871.

Kommentareinträge

1Teil des am 10. Oktober unterzeichneten Vertrags über die Kapitalbeschaffung war ein Entwurf der Statuten der Gotthardbahn-Gesellschaft. Am 17. Oktober beauftragte der Ausschuss der Gotthardvereinigung eine Kommission, «in Verbindung mit der bundesräthlichen Gotthardcommission die in den Statuten ausstehenden Punkte zu ergänzen» . Diese offenen Punkte betrafen die Organisation der Gesellschaftsbehörden und den Sitz der Gesellschaft. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 17. Oktober 1871. Vgl. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 22. Oktober 1871; Vertrag Beschaffung Baukapital; Alfred Escher an Emil Welti, 14. Oktober 1871.

2 Jean-Jacques Challet-Venel (1811–1893), Bundesrat (GE).

3 Wilhelm Matthias Näff (1802–1881), Bundesrat (SG).

4Die Kommission des Ausschusses der Gotthardvereinigung für die Verhandlungen mit der Gotthardbahnkommission des Bundesrates bestand aus Zingg, Wilhelm Schmidlin, Direktor der Schweizerischen Centralbahn, und dem Solothurner Regierungsrat und Ständerat Wilhelm Vigier. Escher lehnte eine Teilnahme an diesen Verhandlungen ab, da er sich, wie er Adolph von Hansemann schrieb, immer mehr davon überzeugen musste, dass bei der Sitzfrage nicht nach dem Interesse des noch zu schaffenden Werkes gefragt werde, «sondern daß der Krähwinkel & demagogisches Coteriewesen den Ausschlag geben zu sollen scheinen» . Alfred Escher an Adolph von Hansemann, 20. Oktober 1871. Vgl. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 17. Oktober 1871.