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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2559 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 159 | Jung, Aufbruch, S. 289–290 (auszugsweise)

Alfred Escher an Emil Welti, Zürich, Samstag, 14. Oktober 1871

Schlagwörter: Bundesrat, Eisenbahnen Finanzierung, Gotthardbahnprojekt, Krankheiten, Liberale Presse

Briefe

Hochverehrter Herr & Freund!

Ich schreibe Ihnen im Bette, von dem ich mich jedoch bald erheben darf, um heute noch abzureisen. Ich bin seit meiner Rückkehr von Bern bis zur Stunde an's Bett gefesselt gewesen, da mein Arzt mir gleich bei meiner Ankunft in Zürich, um meinem Fußübel ein rasches Ende zu bereiten, die Hälfte des Nagels der kranken Zehe sammt Wurzel herausgeschnitten hat.

Obgleich ich, an's Bett gebunden, natürlich sehr gehemmt war, sind doch die Übersetzungen der 3 bewußten Actenstücke unter meiner persönlichen Mitwirkung & sodann der Druck dieser 3 Actenstücke in beiden Sprachen bereits zu Ende geführt. 1 Es | werden Ihnen deutsche & französische Exemplare mit dem gleichen Bahnzuge zukommen, der Ihnen diesen Brief bringt. Die Versendung der Exemplare an den Ausschuß der Gotthardvereinigung & an das Schweizerische Consortium2 hat bereits Statt gefunden. Die Generalversammlung des letztern habe ich auf künftigen Mitwoch nach Olten einberufen.3 Die Verhandlungen mit dem Italienischen Capitale sind ebenfalls in vollem Gange & werden rechtzeitig zum Ziele geführt werden.4 Die Presse anlangend haben wir gefunden, es sei angezeigt, ja geradezu nothwendig, daß von unserer Seite das Prävenire gespielt & die wesentlichen Bestimmungen des Hauptvertrages zu öffentlicher Kenntniß gebracht werden. Bei den vielen Mittheilungen des Vertrages sammt Statuten, die erfolgen müssen, ist nicht daran zu denken, daß das Geheimniß bewahrt werden könnte. Wollte man gleichwol versuchen, es zu thun, so würde, abgesehen davon, daß | der Zweck nicht erreicht würde, der ganz unbegründete Verdacht erweckt, als wollte man den Vertrag lange verborgen halten, um dann plötzlich, gewissermaßen auf dem Wege der Überraschung oder des Handstreiches, ihn genehmigen zu lassen. Endlich wäre zu befürchten, daß, wenn wir die Initiative in der Presse nicht ergreifen würden, sie, nachdem vielleicht einzelne Bestimmungen des Vertrages, aus dem Zusammenhang gerissen & verdreht, in die Öffentlichkeit gedrungen wären, von feindseliger Seite in gehässiger Weise ergriffen & dadurch von vornherein die öffentliche Meinung in einer später kaum oder gar nicht mehr gut zu machenden Weise gegen den Vertrag eingenommen würde. Hr. Director Stoll5, dessen tactvolle & gewandte Feder ihnen bekannt ist, hat es übernommen, in der N.Z.Z. die uns aus den hier entwickelten Gründen nothwendig scheinende Veröffentlichung zu machen.6 Ich habe heute an Hansemann | geschrieben 7, um ihm die Motive auseinander zu setzen, welche uns zu dieser Maaßregel veranlaßt haben.

Mitten in allem dem & nachdem ich am letzten Donnerstage eine mehrstündige Unterredung mit Hrn. Schultheiß Zingg über den Vertrag & die Statuten in ganz angenehmer Weise gehalten hatte, bekam ich gestern Nachts die beiliegende klägliche Zuschrift8. Also die auswärtigen Bankinstitute & Bankhäuser, welche das ganze Baucapital für die Gotthardbahn hergeben, sollen nicht einmal ihre Ansicht über die Frage der Organisation der Gesellschaftsbehörden (& des Gesellschaftssitzes) aussprechen dürfen, während es der Gotthardvereinigung & dem Bundesrathe frei steht, keinerlei Notiz von dieser Ansichtsäußerung zu nehmen!! Wenn der Bundesrath solchem Krähwinkel nicht durch eine energische Haltung ein Ende macht, so laufen wir Gefahr, uns vor ganz Europa in blutigster Weise lächerlich zu machen! Ich signalisire Ihnen die Thatsache, Ihnen selbstverständlich anheimgebend, was Sie | in Sachen zu thun für gut finden mögen. Ich bitte Sie, mir das beiliegende Schreiben mit gef. Beförderung wieder zukommen lassen zu wollen. Sollten Sie in Sachen mündliche Rücksprache mit mir nehmen wollen, so werde ich von Montag früh an wieder in Zürich sein. Ich kann mich aber am Montage von dort nicht entfernen & müßte Sie daher gemäß Ihrem gef. Anerbieten hieher kommen zu wollen bitten. Dabei zähle ich darauf, daß Sie von nun an ein für alle Male Ihren Wohnsitz bei mir im Belvoir aufschlagen.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr

Dr A Escher

Zürich
14. Octr 1871.

Kommentareinträge

1Gemeint sind der «Vertrag betreffend die Beschaffung des Baukapitales für die Gotthardbahn vom 10. Oktober 1871, die eine Beilage zu demselben bildenden projektirten Statuten der Gotthardbahn-Gesellschaft u. den für den Fall des Beitrittes schweizerischen & italienischen Kapitales in Aussicht genommenen Syndikats-Vertrag vom 10. Oktober 1871» .Prot. Consortium Gründung Gotthardbahn, 8. Oktober 1871 (S. 33). Die Gotthardvereinigung, Absatz 44.

2Ein schweizerisches «Consortium für Ausführung der Gotthardbahn» war bereits 1869 gegründet worden. Die Gotthardvereinigung, Absatz 43.

3Dem schweizerischen Konsortium war die Übernahme von bis zu einem Drittel des Baukapitals vorbehalten. An der Generalversammlung vom 18. Oktober 1871 verständigten sich die Konsortiumsmitglieder über die Zusammensetzung dieser 34 Mio. Franken. Vgl. Prot. Consortium Gründung Gotthardbahn, 18. Oktober 1871 (S. 32–36), 10. November 1871 (S. 39–40); Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 4. November 1871.

4Für das den italienischen Kapitalgebern vorbehaltene Drittel des Baukapitals ergab sich eine starke Überzeichnung, so dass die Verhandlungen über die definitive Zusammensetzung des italienischen Konsortiums länger dauerten. Vgl. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 4. November 1871, 15. November 1871; Groupe italien (beim Finanzkonsortium der GB beteiligte italienische Bankhäuser und Financiers), ca. November 1871 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_014 ).

5 Georg Stoll (1818–1904), Direktor der Schweizerischen Nordostbahn.

6Der wesentliche Inhalt des zwischen Escher im Namen des Ausschusses der Gotthardvereinigung und Adolph von Hansemann für das deutsche Konsortium am 10. Oktober geschlossenen Vertrages wurde am 15. Oktober in der NZZ veröffentlicht. Vgl. NZZ, 15. Oktober 1871.

7Brief nicht ermittelt.

8 Vgl. Josef Zingg an Alfred Escher, 13. Oktober 1871.