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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2558 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#547*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 160

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Samstag, 14. Oktober 1871

Schlagwörter: Deutscher Bundesrat, Eisenbahnen Finanzierung, Gotthardbahnprojekt, Staatsverträge, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Verehrtester Herr u Freund

Wir haben eben ein Exemplar des Berichtes des Bundeskanzlers1 an den Bundesrath erhalten;2 derselbe ist sehr kurz u schliesst dahin: der Bundesrath wolle sich damit einverstanden erklären, dass das Reich dem zwischen Italien und der Schweiz am 15. Oct. 1869 über die Herstellung und Subventionirung der Gotthardbahn abgeschlossenen Vertrage beitrete und dem Unternehmen eine nach Massgabe des Art. 17 des Vertrages zahlbare Subvention in Höhe von 20 Millionen Franken zusichere.3

In dem Berichte selbst wird die Repartition | dieser Summe folgendermassen dargestellt:

a) Beitrag zu dem sich die preussische Regierung als Eigenthümerin einiger westlichen Bahnen verbind
lich gemacht hatte Fr. 1 500 000
b) Beitrag der bergisch-märkischen u rheinischen Bahnen, je 1 Million 2 000 000
c) KölnMindener Bahn 1 000 000
d. hessische Ludwgsbahnu pfälzische Bahn 2 000 000
c) Grossherzogthum Baden ein Präcipuum 2 717 000
«welches sich durch die Matricularbeiträge4 zur Summe von ungefähr 3 Millionen vervollständigen würde»5
d. «eine gleich hohe Summe» die Eisenbahnen in Elsass u Lothringen 2 717 000
Total 11 934 000|

Der gegenüber dieser Summe noch aufzubringende Rest von Fr. 8 066 000 würde von dem Reiche zu übernehmen sein.

So dürfen wir also auch hier einem guten Ende entgegensehen. Bei uns sehe ich die kleinlichen u erbärmlichen persönlichen Intrigen immer mehr wachsen. Ich fühle auch dass ich solchen Situationen weniger als sachlichen Schwierigkeiten gewachsen bin.

Ihr ergebenster

E Welti

Bern
14. Oct. 1871.

Kommentareinträge

1 Otto von Bismarck (1815–1898), Ministerpräsident und Aussenminister des Königreichs Preussen, Kanzler des Deutschen Reichs.

2Reichskanzleramtspräsident Rudolph von Delbrück brachte den Gesetzesentwurf am 14. Oktober vor den Bundesrat des Deutschen Reichs. Vgl. Prot. BR, 16. Oktober 1871.

3Am 28. Oktober 1871 unterzeichneten Vertreter der Schweiz, Italiens und des Deutschen Reichs eine Übereinkunft über den Beitritt des letzteren zum Staatsvertrag von 1869; die Zustimmung des deutschen Reichstags erfolgte wenige Tage später. Vgl. Übereinkunft Beitritt Deutsches Reich 1871; Sten. Bericht deutscher Reichstag, 31. Oktober 1871 (S. 86–90); Sten. Bericht deutscher Reichstag, 2. November 1871 (S. 91); Sten. Bericht deutscher Reichstag, Anlagen 1871, Aktenstück 25 (S. 49–65); Emil Welti an Alfred Escher, 29. Oktober 1871; Die Gotthardvereinigung, Absatz 34.

4Nach dem Verhältnis der Bevölkerungszahl zu leistende Abgaben der Bundesstaaten, die alljährlich zwischen dem Reich und den Mitgliedstaaten ausgehandelt wurden. Vgl. Meyers Konversations-Lexikon XIII, S. 439; Meyers Konversations-Lexikon IV, S. 761–837; Henning, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, S. 812–813, 912.

5Das Grossherzogtum Baden hatte bereits im März 1870 eine Subvention von 3 Mio. Franken genehmigt. Emil Welti an Alfred Escher, 22. März 1870.