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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2550 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#186* (Abzug)

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 154

Alfred Escher an Emil Welti, Zürich, Montag, 18. September 1871

Schlagwörter: Eisenbahnen Finanzierung, Freundschaften, Gotthardbahnprojekt, Splügenbahnprojekt

Briefe

Zürich 18 Septbr 1871.1

Hochverehrter Herr & Freund!

Aus Ihren werthen Zeilen2 von letzthin habe ich mit großer Befriedigung ersehen, daß Ihr leider nur kurzer Besuch in Belvoir einen freundlichen Eindruck in Ihnen zurückgelassen hat. Mir war es eine wahre Herzensfreude, Sie endlich einmal in meinem Heim begrüßen zu können. Ich gebe mich der Hoffnung hin, daß Sie nun hie & da von Bern zu mir herüberkommen & sich von den Anstrengungen & Widerwärtigkeiten des öffentlichen Lebens in dem stillen Garten von Belvoir erholen werden. Eines auf wahrer Verehrung & aufrichtiger Freundschaft beruhenden Willkomm's können Sie bei mir jeder| zeit versichert sein!

Der Vorschlag Erlangers3 betr. Beschaffung des Baucapitals für die Gotthardbahn ist ein geradezu abenteuerlicher. Die erforderlichen 102 Millionen Franken sollen durch 3% Obligationen zum Curse von 40 beschafft & es soll jeder Obligation noch eine action de jouissance beigegeben werden, auf die gar nichts einbezalt werden muß, sondern die lediglich auf einen Antheil an den Erträgnissen der Bahn Anspruch hätte, welche allenfalls nach Verzinsung jener 3% Obligationen noch übrig bleiben sollten!! Obgleich von der Annahme eines solchen Vorschlages von keinem Standpuncte aus die Rede sein kann & am wenigsten von demjenigen des Subventionscapitales aus, so ist es mir doch nicht unerwünscht wenn auch ein derartiges Project bei den | Offerten für Beschaffung des Baucapitales der Gotthardbahn liegt. Es wird nur dazu dienen, die andern Anerbietungen in einem um so richtigern Lichte erscheinen zu lassen.4

Servadio5 habe ich nicht vor künftigem Mitwoch nach Zürich bringen können. Wenn er nur dann sicher hier ankömmt. Ich richte mich im Interesse der Beschleunigung der ganzen Angelegenheit ein, ihm nach seinem Eintreffen meine ganze Zeit schenken zu können.6

Sie haben die Güte gehabt, mir zuzusichern, daß Sie den Entwurf zu einem Vertrage zwischen dem Bunde & dem Consortium für Bildung der Gesellschaft der Gotthardbahn vorarbeiten werden. Ich beschäftige mich mit der Tracirung des Vertrages zwischen der Gotthardvereinigung & dem Consorti| um. Hansemann will eventuell den zwischen den Gliedern des Consortium's abzuschließenden Vertrag vorarbeiten.

Nach Depeschen7, die ich diesen Morgen aus Italien bekommen habe, nehmen die Splügenintriguen wieder größere Dimensionen an.8 Ing. Wetli9 befinde sich in der Splügenangelegenheit im Veltlin.

Beiliegend Abschriften der Schreiben10, welche ich in der Sache der WinterthurWaldshuter-Bahn gemäß unsern letzthin getroffenen Verabredungen abgefaßt habe. Darf ich Sie bitten, die Zurückziehung der Betheiligungsbeschlüsse der Zurzach'schen Gemeinden mit Nach druck zu betreiben.

In freundschaftlicher Hochachtung

ganz Ihr

Dr A Escher

Kommentareinträge

1Notiz oben links auf Seite 1 von dritter Hand: «HH Welti, Vicepräsidenten d. Bdsrths, Bern» .

2Brief nicht ermittelt.

3Vermutlich Raphael von Erlanger (1806–1878), deutscher Bankier, Gründer des Bankhauses Erlanger & Söhne und Mitbegründer der Frankfurter Hypothekenbank.

4An der Sitzung des Ausschusses der Gotthardvereinigung vom 4. September 1871 wurden insgesamt sieben Finanzierungsvorschläge präsentiert. Fünf davon kamen nicht in Betracht, da sie Finanzierung und Bau der Gotthardbahn miteinander verbanden. Die beiden anderen Angebote stammten zum einen von einem Konsortium um den Italiener Giacomo Servadio, Präsident der Società generale di Credito Provinciale e Comunale, und das deutsche Bankhaus der Gebrüder Sulzbach, zum andern von einem deutschen Konsortium, das durch Adolph von Hansemann von der Disconto-Gesellschaft in Berlin vertreten wurde. Ein Vorschlag Erlangers kam im Ausschuss der Gotthardvereinigung nie zur Sprache.Vgl. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 4. September 1871; Die Gotthardvereinigung, Absatz 44.

5 Giacomo Servadio (gest. 1875), italienischer Bankier, Mitglied der Abgeordnetenkammer des Königreichs Italien, Präsident der Società generale di Credito Provinciale e Comunale und der Società anonima Italiana per compera e vendita di terreni, costruzioni ed opere pubbliche.

6Escher hatte bereits am 15. und 16. August mit Servadio und teilweise auch mit Rudolf Sulzbach verhandelt. Diese Verhandlungen wurden zwischen dem 20. und 24. September fortgeführt. Vgl.Gesprächsprotokolle Eschers von Unterhandlungen mit Servadio und Sulzbach betreffend Finanzierung der Gotthardbahn, vom 15. und 16. August und 20., 21., 22. und 24. September 1871 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_014 ).

7Telegramme nicht ermittelt.

8Die Aktivitäten für eine Ostalpenbahn führten Ende Oktober 1871 tatsächlich zur Unterzeichnung eines Vertrags zwischen dem durch Daniel Wirth-Sand vertretenen Splügenkomitee und Bankhäusern aus Mailand und Frankfurt am Main sowie Ingenieuren aus Mailand zur Erstellung einer Splügenbahn, der jedoch nicht in Kraft trat. Die Gotthardvereinigung, Ringen mit den Splügenpromotoren.

9 Kaspar Wetli (1822–1889), Zürcher Eisenbahningenieur, Strassen- und Wasserbauinspektor des Kantons Zürich; Verfasser verschiedener Alpenbahnstudien, entwickelte ein Antriebssystem zur Überwindung grosser Steigungen.

10Beilagen nicht ermittelt.