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Korrespondenz: Alfred Escher – Eugen Escher

AES B2543 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#188*

Eugen Escher an Alfred Escher, Zürich, Donnerstag, 24. August 1871

Schlagwörter: Demissionen, Liberale Presse, Nationalrat

Briefe

REDAKTION
DER NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG

Zürich, 24. August 1871.

Hochgeachteter Herr und Freund,

Zu meinem Bedauern sehe ich mich genöthigt, Ihnen eine Eröffnung zugelangen zu laßen, welche Sie wahrscheinlich ziemlich unangenehm berühren wird. Nach reiflicher, monatelanger Überlegung habe ich mich nämlich entschlossen, meine Stelle als Mitglied des Nationalrathes niederzulegen, und heute meine diesfällige Erklärung an den Bundesrath abgehen lassen, die ich morgen in der Zeitung zu Handen der Wähler kurz begründen werde. Es hätte mich gefreut, länger in der genannten Behörde Ihnen zur Seite zu stehen und namentlich in der heutigen Zeit der Zerfahrenheit Ihnen bei den im Winter bevorstehenden wichtigen Verhandlungen treue Bundesgenossenschaft zu leisten; allein zwingende Gründe halten mich davon ab. Nach öfteren Erfahrungen, die ich zu machen im Falle war, übt jede mehrwöchentliche Abwesenheit von Zürich, die ich mir erlaube, in verschiedenen Richtungen einen nachtheiligen Einfluß auf die Redaktion und die sonstige Wahrnehmung der Intereßen unsers Blattes aus. Ich darf daher namentlich jetzt, wo manche Aktionäre ohnedies wegen Nichterfüllung ihrer einstigen Hoffnungen mißgestimmt sind, | es unmöglich wagen, unmittelbar vor dem kritischen Neujahrstermin der Redaktion fast zwei Monate fern zu bleiben. Wohl kann ich von Bern aus einigermaßen groben Fehlern und Nachläßigkeiten entgegenwirken und das Dringlichste der Administration besorgen; allein eine zureichende Überwachung und Direktion ist aus der Ferne bei unserm von der Hand in den Mund arbeitenden, angestrengte und nie-ermüdende Arbeit verlangenden Blatte unmöglich. Ich opferte in den letzten zwei Jahren fast jede Mußezeit, stellte alle Pflichten gegen die Meinigen in den Hintergrund, verzichtete auf jede Erholungsweise oder Kur, und auch jetzt würde ich das gleiche Opfer meiner Partei gerne weiterhin bringen, wenn ich davon einen befriedigenden Erfolg sehen könnte. Allein nur um nach beiden Seiten hin halb zu arbeiten, bald über der Journalistik die Politik, bald über dieser jene zu vernachläßigen, so also Niemanden recht zu befriedigen, mag und darf ich die bisherige aufreibende Doppelstellung nicht fortsetzen. Das alte Sprichwort, daß Niemand zwei Herren zugleich dienen kann, bewährt sich eben auch hier.

Indem ich daher hoffe, daß Sie meinen Schritt, wenn nicht billigen, doch begreiflich finden werden, versteht es sich von selbst, daß ich wenn auch nicht mehr | persönlich bei den Vorgängen in Bern bethätigt, doch denselben auch in Zukunft meine vollste Aufmerksamkeit schenken werde. Unsere Bundesgenossenschaft wird daher eine aktive bleiben können und denke ich, daß meine Unterstützung da und dort vielleicht nur gewinnen werde, wenn sie nicht mehr von einem Mitgliede des Nationalrathes, sondern von einem bescheidenen Bürger und Journalisten gewährt wird.

Mit steter unveränderter Hochachtung

Ihr freundschaftlich ergebener

Dr E. Escher

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