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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B2538 | FA Tschudi

Alfred Escher an Johann Jakob Blumer, Zürich, Dienstag, 8. August 1871

Schlagwörter: Absagebriefe (diverse), Freundschaften

Briefe

Mein theurer Freund!

Dein treuer Brief hat mich lieblich angemuthet. Der ganze Zauber unserer gemeinschaftlichen Vergangenheit, welche ein eigentlich brüderliches Verhältniß zwischen uns begründet hat, ist mir bei Lesung desselben vor die Seele getreten. Du siehst also, daß Du Deinen freundlichen Zweck mir durch Deine Einladung eine Freude zu machen, vollkommen erreicht hast. Leider kann ich aber dieselbe nicht annehmen, wie ich auch bereits eine sehr liebenswürdige Einladung auf näch| sten Sontag nach Bipp, welche Freund Stehlin an mich gerichtet hat, habe ablehnen müssen. Ich bin nämlich gegenwärtig – anderer verantwortungsvoller Fragen, für deren Erledigung mir ein sehr kurzer Termin gesetzt ist, nicht zu gedenken – durch die Bildung der Gesellschaft für Ausführung der Gotthardbahn förmlich absorbirt & zwar dermaßen, daß ich in den nächsten Wochen nicht einen einzigen Tag zu meiner freien Verfügung habe. Ich kann Dir hiefür keinen concludenteren Beweis geben, als daß ich Lydie, welche ich in München abzuholen gedachte, nicht einmal bis Romanshorn werde entgegengehen können! Du wirst mich unter diesen Umständen gewiß freundlich entschuldigen, wenn ich Deiner liebenswür| digen Einladung nicht entsprechen kann, & ich hoffe, auch Deine verehrte Frau werde diese Nachsicht gegen mich üben. Sehr gerne werde ich in ruhigern Zeiten von Eurer Gastfreundschaft Gebrauch machen: denn ich wüßte in der That nicht, unter welchem Dache ich mich heimischer fühlen würde, als unter dem Eurigen! Herzlich würde es mich aber auch freuen, wenn Ihr Belvoir wieder einmal mit einem längern Besuche bedenken würdet, das arme vereinsamte Belvoir, das gerade gegenwärtig in herrlicherm Blüthenschmucke prangt, als noch nie.

Daß Deine liebe Frau sich ordentlich befindet, vernahm ich sehr gerne. Noch lieber hätte ich freilich gehört, daß es ihr ganz gut gehe. Als ein gutes Zeichen glaube ich es ansehen | zu dürfen, daß Du mir nichts von Deiner verehrten Mutter schreibst. Emphehle mich den werthen Damen aufs herzlichste.

Empfange noch einmal die Versicherung, daß Du mir durch Deine Einladung eine große Freude gemacht hast, & nimm dafür meinen warmen Dank entgegen. Ich bin & bleibe in alter Treue

Dein

A Escher

Zürich
8 August 1871.