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Korrespondenz: Alfred Escher – Maximilian Heinrich von Roeder

AES B2532 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#186* (Abzug)

Alfred Escher an Maximilian Heinrich von Roeder, Zürich, Freitag, 23. Juni 1871

Schlagwörter: Einladungsbriefe (diverse), Feiern und Anlässe, Gotthardbahnprojekt, Liberale Presse

Briefe

Zürich 23 Juni 1871.

Dem beiliegenden offiziellen Einladungsschreiben glaube ich, hochverehrter Gönner & Freund, ein Paar erklärende Zeilen beifügen zu sollen. Daß unsere Direction es sich zur hohen Ehre anrechnen wird, wenn Euer Excellenz der Eröffnungsfeierlichkeit beizuwohnen die Freundlichkeit haben wollen, brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu sagen. Hinwieder sind wir weit entfernt davon, Ihnen eine unbescheidene Zumuthung machen zu wollen, & ich erachte mich geradezu pflichtig, anzuerkennen, daß zwischen dem Zwecke, dem sehr einfach angelegten Feste, & dem Mittel, Reise von Interlaken nach Constanz & zurück, sich ein Mißverhältniß herausstellen dürfte. Wenn Sie also in Würdigung dieser Verhältnisse die Einladung mit einigen freund| lichen Worten ablehnen, so werden wir weit entfernt sein, Ihnen dieß etwa übel zu nehmen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie bequem es ist, Freunde zu haben, die in solchen Dingen offen gegen einen sind, & ich erachtete mich schuldig, Ihnen in dem vorliegenden Falle diese Bequemlichkeit zu Theil werden zu lassen.

Da ich einmal in dem Geleise der Offenheit bin, so erlauben Sie mir, noch eine Weile in demselben zu verbleiben. So sehr ich darauf rechne, daß Sie sich sonst nie mehr in Zürich aufhalten, ohne bei mir abzusteigen & den guten Willen für die That zu nehmen, so – lade ich Sie doch dießmal für den Fall, daß Sie an der Eröffnungsfeier Theil nehmen würden, nicht ein! Abgesehen nämlich davon, daß ich zur Zeit widerwärtige | Bauereien in meinem Hause habe, werde ich künftigen Mitwoch, Donnerstag & Freitag durch die Verhandlungen des Zürcher'schen Cantonsrathes, in welchem sehr wichtige, uns nahe berührende Eisenbahntractanden zur Verhandlung kommen, ganz absorbirt & nur für Leute sichtbar sein müssen, deren Gesellschaft Sie, wie ich annehmen darf, nicht gerade suchen werden. Angesichts dieser Verumständungen würde ich im Widerspruche mit Ihren eigenen Intentionen zu handeln glauben, wenn ich Sie in dieses Gewirre hinein zu mir einladen würde. Ich weiß, daß Sie die Offenheit, mit der ich mich ausspreche, nur mit der Freundschaft erklären, mit der ich Ihnen zugethan bin, & ich hoffe, daß Sie später meinen Einladungen um so unbedenklicher folgen werden, weil | Sie nun die Erfahrung machen, daß ich Sie nur ergehen lasse, wenn sie einen ernstgemeinten Character haben.

Während ich diese Zeilen schreibe, kam mir Ihr hochverehrl. Brief von gestern zu. Für Ihre herzlichen Äußerungen wegen der Gotthard unternehmung sage ich Ihnen meinen verbindlichen Dank. Unter den ersten, welche sich um diese Unternehmung verdient gemacht haben, sind Sie, hochverehrter Freund! zu nennen. Welti & ich kommen nie zusammen, ohne dieß laut & freudig anzuerkennen. Was meine Person anbetrifft, so bedaure ich, daß die N.Z.Z. mir viel mehr Lob gespendet hat, als ich ansprechen kann!

Daß die Angelegenheit wegen Ihres Herrn Sohnes nach der Wendung, die sie genommen, Sie sehr beschäftigt, begreife ich vollkommen. Ich behalte mir vor, bei unserm ersten Zusammentreffen einläßlich mündliche Rücksprache mit Ihnen hierüber zu pflegen.

In herzlicher Verehrung Ihr

Dr A Escher