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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2515 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 150

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Freitag, 12. Mai 1871

Schlagwörter: Gotthardbahnprojekt, Italienisches Parlament, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeehrter Herr

Ich lege Ihnen die Abschrift eines erst gestern hier eingegangenen Briefes1 von Pioda bei. Wenn es nicht Deutschland gelingt der Sache einen neuen Anstoss zu geben, so steht dieselbe in Italien offenbar nicht zum besten.2 Aus Berlin haben wir seit meinem letzten Briefe nichts Neues.3 Wenn Ihnen Gon| zenbach4 etwas bemerkenswerthes mitgetheilt hat, so darf ich Sie wohl um gelegentliche Kenntnissgabe bitten.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Ihr ergebenster

E Welti

Bern den 12. Mai 1871.

Kommentareinträge

Nachträgliche Notiz oben rechts auf Seite 1 von dritter Hand mit roter Farbe: «679. (sammt Beilage)»

1 Vgl. Schreiben Giovanni Battista Pioda an Karl Schenk, 6. Mai 1871 (BAR J I.2).

2In Florenz sollte das italienische Parlament über die Genehmigung des Staatsvertrags von 1869 entscheiden. Der Ministerrat wollte die Angelegenheit voranbringen, «à la condition pourtant que l'Italie puisse mettre à compte des subsides auxquels elle s'est engagée, les machines, outils et instruments de la propriété de l'Etat qui ont servi à la percée du Mont Cenis» . Zugleich wurde das Personal vom Mont-Cenis für den Tunnelbau empfohlen. Pioda erklärte, die Kritik in der Schweiz am Vorgehen des Finanzministers Quintino Sella gründe darin, dass die Umstände nicht ausreichend berücksichtigt würden. Einerseits erscheine angesichts der Finanzlage Italiens die italienische Subvention von 45 Mio. Franken im Verhältnis mit den Subventionen der Schweiz und Deutschlands zu hoch. «Dès lors on comprendra aussi que le Gouvernement italien cherche quelque compensation qui d'un côté lui fournirait les facilités pour le payement des subsides, et de l'autre le mettrait à même de pouvoir garantir du succès de l'entreprise en confiant la direction des travaux du tunel du St Gothard à Mr Grattoni, ce qui aurait en même temps l'avantage de satisfaire l'amour propre national des Italiens.» Es gebe keine Zeit zu verlieren. «Dans un mois, tout au plus, tout sera dit à Florence, et il faudra pour reprendre les affaires attendre la réouverture du Parlement à Rome qui, à part quelques séances de parade, ne peut avoir lieu à cause de la malaria sinon vers la fin de l'automne.» Schreiben Giovanni Battista Pioda an Karl Schenk, 6. Mai 1871 (BAR J I.2). Vgl. Prot. BR, 17. Mai 1871; Maximilian Heinrich von Roeder an Alfred Escher, 9. Mai 1871.

3Von Vorgängen aus Berlin berichtete Welti in den ermittelten Briefen zuletzt im April. Demnach kündigte Reichskanzleramtspräsident Rudolph von Delbrück gegenüber dem Schweizer Gesandten Bernhard Hammer eine Rücksprache mit Reichskanzler Otto von Bismarck an, damit die italienische Regierung zur Vorlage des Staatsvertrags von 1869 an das Parlament gedrängt werde. Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 25. April 1871.

4 August von Gonzenbach (1808–1887), Grossrat und Nationalrat (BE), Verwaltungsrat der Chemins de fer du Jura bernois, Direktionspräsident der Berner Handelsbank; Gonzenbach lobbyierte im Auftrag der Gotthardvereinigung in Italien.