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Korrespondenz: Alfred Escher – Maximilian Heinrich von Roeder

AES B2514 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#412*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 149

Maximilian Heinrich von Roeder an Alfred Escher, Baden (AG), Dienstag, 9. Mai 1871

Schlagwörter: Deutsch-Französischer Krieg (1870/71), Personelle Angelegenheiten

Briefe

Baden d 9ten Mai 1871.

Anliegend verehrter Gönner und Freund sub rosa ein Briefchen1 von Weisshaupt zur Karacteristik unseres gemeinsamen Freundes Stamm – la mouche du coche2 – die mit vergoldeten Flügeln zwischen Florenz, Berlin und MailandZürich einherfliegen möchte. Nun die sollen ihm schon, wenn auch nicht wie die des Icarus am Sonnenlicht, so doch am Licht unsrer Wahrheitsfackel schmelzen.

Interessant ist dieselbe Tendenz| italiänischerseits auch von ihm sondirend colportirt zu sehen. Ich sehe Freund Weishaupt demselben als Eiszapfen gegenüber, mit meinem von mir herstammenden Signalement in der Tasche.

Welti schreibt Heute, er habe lange nichts von Ihnen und von G.3 gehört. Nun das Letztere läszt sich verschmerzen – die Schachzüge à la Sella4 werden ihn wohl besorgt und vielleicht besonnen gemacht haben. 5 Leuten, denen überall ihr Ich im Wege steht, reiben sich jedesmal | erst von Neuem die Augen aus, wenn sie darüber gestolpert sind, und neben der Sache die sie gewollt und gesollt am Boden liegen.

Bleichroeder6 soll noch immer in den gleichen Gotthardabsichten, aber leider sehr augenleidend sein, was ich aufrichtig bedaure.

Jetzt ist auch eine Geldsommität von Zürich hier, worüber man allerdings nicht lange in Zweifel bleiben kann – Herr Ott7. Da er Sie verehrt und deutsch gesinnt ist, so harmoniren wir bis jetzt ganz gut. – Hoffent| lich wird uns wenigstens bald der Friede, wenn es den Franzosen gefallen sollte, sich weiter gegenseitig physisch und moralisch ruiniren zu wollen. 8 Freilich scheint Thiers9 der Phraseur nicht maitre de la si tuation.

Jetzt verlasze ich den Schreibtisch, aber nicht Sie, um etwas Mailuft zu schöpfen.

Jenny10 empfiehlt sich bestens.

In freundschaftlicher Ergebenheit

Ihr

aufrichtig ergebenster

Roeder

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Anspielung auf die Fabel «Le coche et la mouche» von Jean de La Fontaine über eine Fliege, die sich einbildet, eine Kutsche zu lenken.

3Vermutlich August von Gonzenbach (1808–1887), Grossrat und Nationalrat (BE), Verwaltungsrat der Chemins de fer du Jura bernois, Direktionspräsident der Berner Handelsbank; Gonzenbach lobbyierte im Auftrag der Gotthardvereinigung in Italien.

4 Quintino Sella (1827–1884), Finanzminister des Königreichs Italien.

5Laut einem Brief Gonzenbachs an Escher von Anfang April stellte Sella die Bedingung, dass der Bau des Gotthardtunnels in Hände gelegt werden müsse, die eine möglichst schnelle und sichere Erreichung des Zieles gewährten. Damit konnte eigentlich nur der italienische Ingenieur Severino Grattoni, einer der Leiter des Mont-Cenis-Tunnelbaus, gemeint sein. Entsprechende Berichte wurden in der Presse später aber wieder relativiert. Vgl. August von Gonzenbach an Alfred Escher, 5. April 1871; NZZ, 17. April 1871, 22. April 1871; Emil Welti an Alfred Escher, 12. Mai 1871, Fussnote 3; Die Gotthardvereinigung, Absatz 37.

6 Gerson von Bleichröder (1822–1893), Berliner Bankier, Leiter des Bankhauses S. Bleichröder.

7Vermutlich Hans Kaspar Ott-Trümpler (1801–1880), Mitbegründer und Präsident der Bank in Zürich.

8Der Deutsch-Französische Krieg endete mit dem Frieden von Frankfurt vom 10. Mai 1871. Die Gotthardvereinigung, Absatz 40.

9 Adolphe Thiers (1797–1877), Mitglied der französischen Nationalversammlung, Chef du pouvoir exécutif der Republik Frankreich.

10Vermutlich Jenny von Roeder (geb. 1840), Tochter von Bertha Mathilde und Maximilian Heinrich von Roeder.