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Korrespondenz: Alfred Escher – Maximilian Heinrich von Roeder

AES B2511 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#412*

Maximilian Heinrich von Roeder an Alfred Escher, Bern, Montag, 3. April 1871

Schlagwörter: Deutsch-Französischer Krieg (1870/71), Gotthardbahnprojekt, Presse (allgemein)

Briefe

Bern den 3ten April 1871.

Obwohl ich nicht weisz ob ich vielleicht zu Vorschlägen für einen Züricher ReichsConsul veranlaszt werden sollte, so erlaube ich mir doch, mein sehr verehrter Herr und Freund, Sie ganz ergebenst zu ersuchen, mir vertraulich zu sagen ob Sie Jemanden kennen und wiszen, der diesen Ehrenposten übernehmen könnte, und würde.

Es scheint mir im Beiderseitigem Interesse dort eine tacktvolle Persönlichkeit in an| gemessener socialer Stellung zu besitzen. – Die Baierischen Vor und Rathschläge sind entre nous bisher nicht glücklich gewesen. – Es kann uns gegenseitig nicht gleichgültig sein, die Schweiz mit einigen tactlosen «geschwollenen» ReichsConsuln dotirt zu sehen; mir in specie nicht, da ich deren Chef zu sein berufen bin. Morgen werde ich meine Creditive als Gesandter des «Deutschen Reiches» übergeben, wozu ich vom Kaiser ernannt bin. Immerhin | ein historischer Moment! –

In Berlin beurtheilt man die Pariser Zustände mit groszer Ruhe – An Rückmarsch der Truppen ist allerdings nicht zu denken – die Offiziere werden nur einzeln beurlaubt – der Kaiser u Bismarck sind Gott Lob sehr wohl und frisch – Mein Sohn, der sich angelegentlichst empfiehlt, schreibt mir sehr interessant, und hat sich dort wie es scheint eine sehr gute Stellung erworben. – Im Sommer hoffen wir ihn wiederzusehen. –

Freund Welti sieht etwas schwarz drein, und hat manchen | Aerger. (wer entginge diesem?) Bismarck soll irgendwo von der GotthardBahn u der Elsasser gesprochen haben, mir ist die Passage entgangen. – Die Lyoner Zeitungen laszen mich im intimsten Verhältnisz zu Cluseret stehen mit dem ich bras dessus bras dessous in den Straszen flanirt habe!! Von dieser pikanten rothen Seite kennen Sie wahrscheinlich Ihren alten Freund noch nicht. Grüszen Sie mir unseren prächtigen Erhardt sehr, bitte, und danken Sie ihm bestens für seinen Brief. – Meinen Damen geht es etwas besser, aber immer noch nicht bis zum Ausgehen. – Nun bin ich wieder länger geworden als Ihre Zeit es gestattet. Also nichts für ungut, und einen freundschaftlichen Reichshändedruck von

Ihrem
treu ergebensten

Roeder.