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Korrespondenz: Alfred Escher – Karl Wilhelm von Graffenried

AES B2509 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#229*

Karl Wilhelm von Graffenried an Alfred Escher, Bern, Sonntag, 12. Februar 1871

Schlagwörter: Bankinstitute, Eidgenössische Bank, Schweizerische Kreditanstalt (SKA)

Briefe

MHochgeachteten Herrn Präsidenten Dr A. Escher
Zürich. 1

Hochgeachteter Herr Präsident,

ich bitte Sie um die Erlaubnis, Ihre gütige Vermittlung in folgender Angelegenheit beanspruchen zu dürfen.

Nach dem Wunsche der schweizerischen Kreditanstalt habe ich darauf hingewirkt, daß Herr Keller (Firma von Graffenried & Co.) der Ersteren für ihr cedirte fs. 100,000.–. Rescriptionen des Kantons Wallis durch den Verkauf von Domanial-Obligationen besondere Sicherheit gebe; und es ist mir gelungen, H. Keller zu bestimmen, dieses unter der Bedingung zu thun, das die Kreditanstalt hinwieder ihm behülflich sei, seine Rechnungsverhältnisse mit der Firma Henggeler, Graffenried & Co. sofort abzuwickeln. Die zwischen dem Bankhause und der Spinnerei bestehenden Beziehungen sollten deswegen möglichst schnell gelöst werden können, weil dieselben gerüchtsweise sehr übertrieben werden und zur Folge haben, daß Schwierigkeiten, welche das eine Geschäft betreffen, auch den Kredit des Andern stören. Die von der Kreditanstalt nachgesuchte Hülfe hätte darin zu bestehen, daß diese dem Hause von Graffenried & Co. 3 bis 4 Monat-Wechsel der H. Henggeler, Graffenried & Co. in dem von den Letzteren dem Ersteren noch schuldigen Betrage von ca f. 300,000. –. scontiren und dafür als Sicherheit die von den H. Henggeler, Graffenried & Co. zur Deckung derselben Schuld | bereits hinterlegten 4 Obligationen von je fs. 75,000.–. annehmen würde. Diese 4 Titel, unter sich von gleichem Range, wurden vor 2 Jahren von den H. Henggeler, Graffenried & Co. nach bernischem Obligations-Recht stipulirt, tragen 6 pr% Zins pr. Jahr, sind auf 6monatliche Kündigung hin rückzahlbar, enthalten die Verschreibung der Habe und Güter der Gesellschaft & der Solidarität ihrer Antheilhaber, gehen im Range allen Conto-Corrent- und Wechsel-Schulden der Gesellschaft vor und nur die auf ihrem Etablissemente haftenden Hypotheken nämlich der 1sten des 2 Millionen-Anleihens der Kreditanstalt & der 2ten der Berner Handelsbank für ihren Conto-Corrent-Credit von f. 250,000 nach. Zur Einlösung der f. 300,000 Wechsel werden die ausstehenden Eingänge der Spinnerei genügen, und derselben überdieß zur Verfügung stehen ein ihr soviel als bewilligter Credit der Eidgenössischen Bank von f. 250,000.–. und der auf f. 300,000 erhöhte Credit der Bank in Winterthur. Die erwähnten 4 Obligationen lagen seit ihrer Stipulation und befinden sich heute noch bei der Rotterdamer Bank in Rotterdam und bei den Herren S. Oppenheim jun. & Co. in Cöln zur Versicherung von 2 Acceptations–Crediten im Gesamtbetrage von f. 300,000 welche von diesen Häusern den H. von Graffenried & Co. zu Handen der H. Henggeler, Graffenried & Co. eröffnet wurden und nicht gekündet | sind, allein wegen der mit ihrer Benutzung verbundenen theuren Spesen durch wohlfeilere Hülfsmittel ersetzt werden sollten, und durch die gewünschte Vermittlung der Kreditanstalt vollständig abbezahlt würden. Die Gesellschaft Henggeler, Graffenried & Co. hat für einstweilen auf ihre beabsichtigte Umwandlung in ein Actien-Unternehmen verzichtet, & sich vor der Hand darauf beschränkt für die bei ihr neu eingelegten Summen Commanditen-Betheiligungen auszugeben. Ihre finanzielle Lage hat sich seit einem Jahre nicht unerheblich gebessert. Ihr einbezahltes Gesellschaftskapital, anfangs 1870 nur f. 1,100,000 betragend, ist bis jetzt auf effective f. 3,130,000. –. gestiegen. Ihre sämmtlichen Schulden, anfangs 1870 noch auf f. 5,500,000.–. sich belaufend, sind jetzt auf f. 3.100,000.–. gesunken. Durch einstweiligen Verzicht auf die Verzinsung von f. 1,500,000.–. einbezahltem Gesellschaftskapital sind die Betriebskosten der Spinnerei Felsenau denjenigen der Spinnerei Baar annähernd gleich gemacht worden. Der erfolgte Abschlag der Rohstoffpreise endlich hat der Baumwollenspinnerei zum ersten Male wieder seit dem Ausbruche des Americanischen Krieges auf gesunden Boden gestellt und sie von der Gefahr weiterer daheriger Verluste befreit. Aufgrund dieser Darstellung hat es Herr Director Pestalozzi gefälligst übernommen, die Eingangs erwähnte Proposition des Herrn Keller dem Ausschuße der Kreditanstalt zur Genehmigung vorzuschlagen; | wenn Sie dieselbe befürworten könnten, wäre ich Ihnen dafür sehr verbunden.

Ganz besonders würde es mich freuen, wenn es später möglich werden sollte, daß die Spinnerei Felsenau von der Kreditanstalt wenn auch nur in geringerem Betrage einen gedeckten Credit erhielte, indem der Ersteren durch die bekannt gewordene Unterbrechung ihres regelmäßigen Verkehrs mit der Letzteren der empfindlichste Schaden in der öffentlichen Meinung zugefügt worden ist, und dieser Schaden nur durch Wiederanknüpfung der früheren Beziehungen gehoben werden könnte.

Ich bitte Sie, hochgeehrter Herr Präsident, mit meinen aufrichtigen Entschuldigungen für die Ihnen verursachte Mühe den Ausdruck meines verbindlichsten Dankes sowie denjenigen meiner vollkommensten Hochachtung und Ergebenheit genehmigen zu wollen.

C Wilhelm von Graffenried

Bern, 12. Februar 1871.

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