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Korrespondenz: Alfred Escher – Johannes Scherr

AES B2500 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#430*

Johannes Scherr an Alfred Escher, Oberstrass, Donnerstag, 24. November 1870

Schlagwörter: Eidgenössischer Schulrat, Eidgenössisches Polytechnikum, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Liberale Presse, Personelle Angelegenheiten

Briefe

Hochgeachteter Herr Präsident!

Ich erbitte mir zum voraus Entschuldigung, wenn ich Ihre knapp bemessene Zeit für etliche Sekunden in Anpspruch nehme und noch dazu in einer Sache, welche Ihnen zweifelsohne sehr bedeutungslos vorkommen muß. Es gibt aber Bagatellen, welche unter Umständen keine sind.

In dem Votum, welches Sie, verehrter Herr, in der Sitzung des z. Kantonsraths vom Dienstag (22. Novbr) in Sachen des höheren Unterrichtswesens abgaben, haben Sie laut der N. Z. Zeitung (Nr. 607, Bl. 1, S. 2) gesagt: – «für die modernen Sprachen und die Literatur sind am Polytechnikum nicht weniger als 4 Lehrstühle vorhanden, für die deutsche Sprache Hr. Kinkel und als Ergänzung Hr. Scherr» –

Stünde dieser Satz in einem gewöhnlichen Zeitungsberichte, so würde ich denselben selbst| verständlich auf sich beruhen lassen. Die angezogene Aeußerung wurde aber an amtlicher Stelle amtlich gethan. Es ist möglich, daß das Referat ungenau. So jedoch, wie es nun einmal in die Oeffentlichkeit ging, weis't es mir eine Stellung zu, welche ich zurückweisen muß. Nicht aus Eitelkeit, welche nicht zu meinen Fehlern gehört, sondern weil es mir gerade im vorliegenden Falle aus zwingenden Gründen schlechterdings nicht paßt, als «Ergänzung», d. h. eben als untergeordnetes Anhängsel von Hrn. Kinkel oder von sonstwem zu erscheinen. Ich mag weder im Schlimmen noch im Guten scheinen, was ich nicht bin.

Zur Begründung meiner Reklamation erlaube ich mir, Sie daran zu erinnern, daß laut den mir gewordenen amtlichen Zufertigungen von seiten des schweiz. Schulraths die Vorträge über deutsche Literatur in erster Linie mir übertragen wurden. Es ist in diesen Zufertigungen von irgendeiner Bevorzugung Hrn. Kinkels nicht entfernt | die Rede. Wäre das der Fall gewesen, so würde ich die Sache unbedingt von der Hand gewiesen – haben.

Summa: – ich möchte Sie ersuchen, die Redaktion der N. Z. Zeitung zu einer sachlichen Berichtigung in einer Ihnen geeignet scheinenden Form veranlassen zu wollen.

Sollte Ihnen aber diese Zumuthung unzulässig erscheinen, so bitte ich, mich hiervon mittels einer Zeile gefälligst zu benachrichtigen.

Mit ausgezeichneter Hochachtung

bin ich Ihr ergeb.

J Scherr,

Oberstraß, 24. Novbr. 70.

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