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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2486 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 145

Alfred Escher an Emil Welti, Zürich, Mittwoch, 22. Juni 1870

Schlagwörter: Italienisches Parlament, Presse (allgemein), Simplonbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeachteter Herr!

Die verschiedenen Mittheilungen, welche Sie in den letzten Tagen an mich gelangen zu lassen die Güte hatten, verdanke ich Ihnen bestens. Darf ich Sie bitten, mir die mit rothen Nummern bezeichneten Schriftstücke1, die ich Ihnen vorgestern zu übersenden die Ehre hatte, mit gef. Beförderung wieder zu übersenden.

Diesen Zeilen lege ich eine Abschrift des Briefes bei, den ich gestern an die Adresse von Stamm habe abgehen lassen. Sie wollen demselben entnehmen, wie ich mich über die heikle Frage der Prosequirung oder Nicht-Prosequirung der Interpellationen in dem Italienischen Parlamente ausgesprochen habe.|

Der Vorbehalt der Zustimmung der Generalversammlungen der Eisenbahngesellschaften am Rheine in dem Berlinervertrage scheint mir ziemlich unbedenklich. Ob in dem Vertrage selbst oder in einem besondern Protokolle, das am Ende doch einen integrirenden Bestandtheil des Vertrages gebildet hätte, scheint mir ziemlich gleichgültig. Sehr wichtig dagegen ist, daß Norddeutschland die Hauptrolle für Beschaffung des noch fehlenden Theiles der deutschen Subvention übernehme.2 Es scheint mir dieß übrigens auch nach dem Gange, den die Dinge genommen haben, selbstverständlich.

In Paris ist ja alles vortrefflich abgelaufen.3 Auf die Subventionirung des Simplon wird die Kammer, denke ich, nicht eingehen.

Über die Versammlung, welche letzten Sontag in Zürich Statt gefunden, kann ich Ihnen | mehr, als den öffentlichen Blättern zu entnehmen ist, nicht mittheilen.4 Mit Beziehung auf unsere Zürcherdemokraten ( Scherer5 nicht ausgenommen) dürften nach & nach selbst diejenigen Augen sehend werden, die gar zu gern blind sein möchten! – Ich denke, es ist nicht am wenigsten Ihrer Einwirkung zuzuschreiben, daß die Versammlung von Aarau in's Schützenhaus in Zürich verlegt werden mußte & daß Bern6, Aargau, Solothurn u. s. f. – um mit dem freien Rhätier zu reden – «abgeschrieben» haben!7

Mit freundschaftlichem Gruße

ganz Ihr

Dr A Escher

Zürich
22 Juni 1870.

Kommentareinträge

1Bei diesen Schriftstücken handelt es sich um Mitteilungen aus Italien im Original, unter anderem eine Depesche August von Gonzenbachs. Vgl. Alfred Escher an Emil Welti, 20. Juni 1870; Emil Welti an Alfred Escher, 22. Juni 1870.

2 Art. 1 der am 20. Juni zwischen Italien, der Schweiz und dem Norddeutschen Bund getroffenen Übereinkunft behielt eine Reduktion der norddeutschen Subsidie vor, falls die Generalversammlungen der Bahngesellschaften dem Votum der jeweiligen Verwaltung, an die norddeutsche Subsidie beizutragen, nicht zustimmen sollten. In Art. 3 verpflichtete sich der Norddeutsche Bund, sich für die Komplettierung der Subvention durch die deutschen Staaten einzusetzen. Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 20. Juni 1870; Übereinkunft Beitritt Norddeutscher Bund 1870, Art. 1, 3; Emil Welti an Alfred Escher, 24. Mai 1870; Emil Welti an Alfred Escher, 3. Juni 1870.

3Escher bezieht sich auf die Behandlung der Interpellation Christope-Stéphane Monys im französischen Parlament. Emil Welti an Alfred Escher, 14. Juni 1870; Telegramm Emil Welti an Escher, 21. Juni 1870 (BAR J I.2).

4Die ursprünglich in Aarau geplante Versammlung, über die Escher Welti am 11. Juni 1870 informierte, fand am 19. Juni in Zürich statt. Gegenstand war eine Petition, mit welcher die Zürcher Demokraten im Verbund mit den ost- und westschweizerischen Gotthardgegnern die Ablehnung des Gotthardvertrags durch die Bundesversammlung erreichen wollten. Vgl. Der freie Rhätier, 21. Juni 1870, 22. Juni 1870, 23. Juni 1870; NZZ, 17. Juni 1870, 20. Juni 1870, 21. Juni 1870, 22. Juni 1870, 24. Juni 1870, 25. Juni 1870, 28. Juni 1870, 1. Juli 1870, 6. Juli 1870; Alfred Escher an Emil Welti, 11. Juni 1870.

5 Johann Jakob Scherer (1825–1878), Regierungsrat und Nationalrat (ZH).

6Der Berner Regierungspräsident Johann Weber sagte Welti, er habe auf die Einladung nach Zürich zurücktelegraphiert, «der Canton Bern wolle von dieser Petition nichts wissen» . Emil Welti an Alfred Escher, 22. Juni 1870.

7 Vgl. Der freie Rhätier, 21. Juni 1870; NZZ, 22. Juni 1870.