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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2477 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 142

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Dienstag, 14. Juni 1870

Schlagwörter: Bundesrat, Presse (allgemein)

Briefe

Hochgeehrter Herr

Hätte ich über die französ. Interpellation1 irgend etwas mehr gewusst als was in den Zeitungen steht, so würde ich Ihnen schon auf Ihre Frage im letzten Brief Mittheilung davon gemacht haben. Ich bin aber bis zur Stunde noch in demselben Fall und kann Ihnen nur das sagen, dass nach einem Briefe des Herrn Kern2 dieser sich sofort dem Minister des Auswärtigen3 zur Ertheilung | aller wünschbaren Auskunft zur Disposition gestellt hat. Herr Kern schreibt uns nichts darüber dass sich der Minister über die Sache irgendwie geäussert habe und eben sowenig wie die Interpellation formulirt sei. Ohne allen Zweifel ist dieselbe durch Lavalette4 veranlasst, der die ganze Meute seiner Journale auf diese Fährte gebracht hat. Im Bundesrathe kam die Sache noch nicht zur Sprache; dagegen sind die einzelnen Mitglieder der Meinung dass uns dieser Zwischenfall in keiner Weise beirren könne und dass unsere Aufgabe | lediglich die sei durch Herrn Kern bei dem französischen Ministerium dafür sorgen zu lassen, dass dort keine thatsächlichen Irrthümer aufkommen; ebenso einmüthig sind wir aber darüber dass es in keiner Weise in unserer Stellung liege in Paris gewissermassen rechtfertigend und entschuldigend aufzutreten. Herr Dubs den ich eben sprach ist ganz dieser Meinung u wird wie ich hoffe Herrn Kern in diesem Sinne intruiren5 . Wie uns diese Interpellation die Verhandlungen mit der deutschen Finanz beeinflussen soll ist mir ganz u gar unerklärlich.6 | Herr v. Röder hofft im Gegentheil in Deutschland den besten Einfluss davon. – Von Berlin u Florenz sind wir über die Interpellation Mony7 ohne Bericht.

Schliesslich erlaube ich mir noch Ihre Aufmerksamkeit auf einen Artikel in der Riforma (abgedruckt in der Gazetta di Milano)8 zu ziehen, welcher sagt es hätten Bertani9 u Podestà10 eine Interpellation eingegeben in welcher sie die Regierung fragen was in Bezug auf die Alpen eisenbahn geschehen soll. Es beweist das, dass das Ministerium entweder den Vertrag nicht vorlegen will oder | dass es dazu eine Anregung aus der Kammer wünscht, was beides auf keinen günstigen Stand der Sache deuten würde. Herr Melegari11 war gestern noch ohne Mittheilung aus Florenz. Alles weitere verspare ich auf morgen.

Ihr ganz ergebenster

E Welti

Bern
14. Juni 1870.

Kommentareinträge

1Die Interpellation, welche der Abgeordnete Christophe-Stéphane Mony im französischen Parlament einbrachte, richtete sich vordergründig gegen die Beteiligung Italiens und vor allem Preussens an der Gotthardbahn als einem Unternehmen auf Schweizer Boden. Die Unterstützer der Interpellation sahen in dieser Beteiligung eine Gefährdung der Schweizer Neutralität zuungunsten Frankreichs. Auf diese Weise wurde versucht, die Frage zu einer politischen zu machen, doch standen wohl nicht zuletzt das Simplonbahnunternehmen und das Haus Rothschild hinter der Interpellation. Bereits im Vorfeld der Behandlung wurde von verschiedenen Seiten dargelegt, dass die Gotthardangelegenheit eine rein kommerzielle sei, wogegen Frankreich nicht vorgehen könne.Vgl. NZZ, 10. Juni 1870, 14. Juni 1870, 16. Juni 1870, 19. Juni 1870, 21. Juni 1870, 22. Juni 1870, 23. Juni 1870, 24. Juni 1870, 25. Juni 1870; Telegramm Emil Welti an Escher, 21.Juni 1870 (BAR J I.2).

2 Johann Konrad Kern (1808–1888), Thurgauer Politiker, ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister der Schweiz in Paris.

3 Antoine de Gramont (1819–1880), Aussenminister des französischen Kaiserreichs.

4 Adrien de Lavalette (1813–1880), Pariser Financier, Geschäftsleiter der Compagnie de la Ligne d'Italie. Alfred Escher an Emil Welti, 11. Juni 1870, Fussnote 11.

5Verschrieb, wohl gemeint: «instruiren».

6Gemeint sind die Unterhandlungen der Gotthardvereinigung mit deutschen Finanzhäusern zur Beschaffung des für die Bildung eines Gotthardunternehmens benötigten Kapitals. Alfred Escher an Emil Welti, 2. Juni 1870; Die Gotthardvereinigung, Absatz 44.

7 Christophe-Stéphane Mony (1800–1884), Mitglied des französischen Corps législatif.

8Zeitungsausgabe nicht ermittelt.

9 Agostino Bertani (1812–1886), Mitglied der italienischen Abgeordnetenkammer.

10 Andrea Podestà (1832–1895), Bürgermeister von Genua und Mitglied der italienischen Abgeordnetenkammer.

11 Luigi Amedeo Melegari (1805–1881), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister des Königreichs Italien in Bern.