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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2472 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 140

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Mittwoch, 8. Juni 1870

Schlagwörter: Bundesrat, Bözbergbahnprojekt, Eisenbahnstrecken Konzessionen, Flüchtlingskonflikte (Tessin), Italienisches Parlament, Società per le strade ferrate alta Italia (Oberitalienische Eisenbahngesellschaft) (SFAI), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeehrter Herr

Herr Gonzenbach1 theilt mir einen Brief von Herrn Pioda mit (vom 2. Juni). Letzterer sagt der Ministerconseil habe am 1. Juni beschlossen unsern Vertrag dem Parlamente vorzulegen und fügt bei: «Reste à savoir maintenant quel sera l'intervalle entre l'intention et l'execution. Car on voudrait obtenir une contribution des meridionaux pour montrer que le passage des Alpes interesse d'autres provinces que celles de la haute Italie.» Es scheint mir diese neue Idee im höchsten Grade bedenklich u ich mache Ihnen diese Mittheilung | damit Sie sofort die nöthigen Vorkehren treffen können.

So eben hat der Bundesrath den Beschluss gefasst das Beitrittsanerbieten des NDeutschen Bundes anzunehmen und zwar in der Ihnen schon berichteten von dem Ausschuss angetragenen Weise.2 Über den Entschluss der italienischen Regierung, deren Zustimmung wir vorbehalten haben ist, ist hier noch nichts bekannt. Herr Melegari3 hat auf die telegr. Anfrage vom letzten Freitag noch keine Antwort erhalten. Offenbar hat die tessinische Flüchtlingsangelegenheit in Florenz einige Missstimmung veranlasst, die | sich nun aber ohne Zweifel heben wird weil wir die Verhaftung des Nathan4 und seiner Bande die auf Graubündner Gebiet übergetreten sind gestern angeordnet haben. Im Übrigen kann ich Ihnen hierüber ausser dem durch die Zeitungen bekannten nur berichten, dass die Bande Nathan sehr wahrscheinlich aus dem Zeughaus in Bellinzona bewaffnet worden ist und dass einzelne dieser Waffen sich in italienischen Händen befindet. Der Bundesrath ist ganz entschlossen streng einzuschreiten und ich denke die ital. Regierung soll in dieser Beziehung kei| nen Grund zur Beschwerde finden. Die Waffenabgabe aus dem Zeughaus bitte ich vorläufig noch nicht laut werden zu lassen.5

Bei Berathung der Bözberg[conzession?] wurde von dem Bundesrath der in der [Conzession?] vorgesehene fünfjährige Durchschnitt gegen den Antrag des Depart. angenommen. Die Erwähnung der Totalität der Linie wurde als überflüssig betrachtet.6

Zur Besprechung der Subventionsfrage bin ich (allein) abgeordnet. Das Departement wird Ihnen nächsten Samstag vorschlagen. Ist Ihnen ein anderer Tag genehmer genügt nur eine telegr. Anzeige.

Ihr ganz ergebenster

E Welti

Bern
8. Juni 1870.

Kommentareinträge

1 August von Gonzenbach (1808–1887), Grossrat und Nationalrat (BE), Direktionspräsident der Berner Handelsbank; Gonzenbach lobbyierte im Auftrag der Gotthardvereinigung in Italien.

2Welti informierte Escher am 3. Juni 1870 über das Eintreffen der norddeutschen Note. Am 8. Juni beschloss der Bundesrat, den schweizerischen Gesandten in Berlin, Bernhard Hammer, zu bevollmächtigen, mit dem Kanzler des Norddeutschen Bundes und dem italienischen Gesandten in Berlin eine Übereinkunft zu unterzeichnen, durch welche der Norddeutsche Bund dem Staatsvertrag zwischen der Schweiz und Italien von 1869 beitrat. Vgl. Prot. BR, 8. Juni 1870; Schreiben BR an Bernhard Hammer, 8. Juni 1870, in: DDS II, S. 363–364; Emil Welti an Alfred Escher, 3. Juni 1870.

3 Luigi Amedeo Melegari (1805–1881), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister des Königreichs Italien in Bern.

4 Giuseppe Nathan (gest. 1881), in Lugano wohnhafter Engländer; Giuseppe Mazzini (1805–1872) nahestehender Anhänger radikaler italienischer Republikaner.

5 Am 29. Mai 1870 unternahm eine Gruppe italienischer Flüchtlinge von Lugano aus einen bewaffneten Einfall auf das Gebiet des Königreichs Italien. Dieser Übergriff wurde nach einigen Schusswechseln abgewehrt und die Flüchtlinge wurden auf tessinisches Gebiet zurückgedrängt. Eine Bande unter Anführung Nathans tauchte jedoch im Gebiet des oberen Comersees auf, wurde dort zerschlagen und flüchtete auf das Gebiet des Kantons Graubünden ins Bergell, wo Nathan und weitere 27 Mann festgenommen wurden. Die vom Bund angeordnete strafrechtliche Verfolgung Nathans und seiner Bande wurde abgebrochen, doch wurden die betreffenden Personen aus politisch-polizeilichen Gründen aus dem Gebiet der Eidgenossenschaft ausgewiesen. Vgl. Prot. BR, 30. Mai 1870; Prot. BR, 31. Mai 1870; Prot. BR, 1. Juni 1870; Prot. BR, 6. Juni 1870; Prot. BR, 8. Juni 1870; Prot. BR, 10. Juni 1870; Prot. BR, 8. Juli 1870; Prot. BR, 11. Juli 1870; NZZ, 31. Mai 1870, 1. Juni 1870, 3. Juni 1870, 8. Juni 1870, 9. Juni 1870, 14. Juni 1870; Bundesrathsbeschluß betreffend die Ausweisung der italienischen Flüchtlinge, welche am 29. Mai d. J. von Lugano aus über den San Lucio-Paß bewaffnet in das Königreich Italien eingefallen sind (vom 11. Juli 1870), in: BBl 1870 II, S. 1039–1040;Schreiben Luigi Amedeo Melegari an Jakob Dubs, 18. Mai 1870, in: DDS II, S. 352; Schreiben Jakob Dubs an Giovanni Battista Pioda, 2. Juni 1870, in: DDS II, S. 360–361.

6 Vgl. Prot. BR, 8. Juni 1870; Bundesrathsbeschluß betreffend die neue Konzession für eine Bözbergbahn (vom 8. Juni 1870), in: AS X, S. 199–201.