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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2467 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 139

Alfred Escher an Emil Welti, Zürich, Montag, 6. Juni 1870

Schlagwörter: Bundesrat, Gotthardbahnprojekt, Italienisches Parlament, Vereinigte Bundesversammlung, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeachteter Herr!

Vor allem danke ich Ihnen für den Aufschluß, den Sie mir hinsichtlich der auf die Verhandlungen mit der deutschen Finanz bezüglichen Stelle in Ihrem verehrl. Drittletzten Schreiben1 zu ertheilen die Freundlichkeit haben.2 Derselbe hat mich vollkommen befriedigt. Seien Sie überzeugt, daß ich Ihnen nie auch nur die Vermittlung von Anschuldigungen Dritter hinsichtlich meiner Thätigkeit in der Gotthardangelegenheit, welche Ihnen unbegründet scheinen, zutrauen würde. Es gibt aber Fälle, in denen man sich verpflichtet fühlt, einen Freund vor Unverstand zu warnen, der gegen ihn im Finstern schleicht & ich habe mir hiemit| die fragliche Stelle Ihres Briefes erklärt.

Was nun die Frage der Completirung der Schweizerischen Subvention vor der Behandlung der Gotthardfrage durch die Bundesversammlung anbetrifft, so anerkenne ich, daß die Sicherstellung der ganzen Subventionssumme vor diesem Zeitpuncte wünschbar ist, wie dieß von jedem Schritte gesagt werden kann, der weiter auf der zu unserm gemeinschaftlichen Ziele führenden Bahn gethan wird. Dagegen vermag ich der Sicherstellung der halben Million, welche ungefähr an der Schweizerischen Subvention noch fehlt3, bis zur Behandlung der Gotthardfrage durch unsere Bundesversammlung eine besonders große Bedeutung nicht beizumessen & zwar aus dem einfachen Grunde, weil gewiß niemand im Inlande oder auch im Auslande daran| zweifelt, daß die fehlende halbe Million noch werde beigebracht werden.4 Das Wie anlangend, über welches Sie meine Anschauungsweise kennen zu lernen wünschen5, erlaube ich mir vor allem die Frage aufzuwerfen, ob denn der Bund, weit entfernt, an die Gotthardunternehmung etwas beizutragen, an derselben noch fiscalisch lucriren wolle, mit andern Worten & concret ausgedrückt ob der Bund die ihm in Folge des Wegfalles des größten Theiles der Gotthard-Schneebruchkosten zu gut kommende Ersparniß einfach in der Tasche behalten & nicht etwa die Hälfte davon, welche capitalisirt ungefähr eine halbe Million Franken betragen mag, der Gotthardunternehmung zukommen lassen wolle. Ich begreife ganz gut, daß, wenn man einmal – was ich| zwar fortwährend als eine thörichte Schwäche betrachten werde – den Art. 216 nicht auf die Gotthardunternehmung anwenden will, davon keine Rede sein kann, von diesem Principe (!) zum Zwecke der Beschaffung einer verhältnißmäßig geringen Summe abzugehen. Aber hier handelt es sich nicht um eine Subvention, sondern um die Verzichtleistung auf einen Theil eines fiscalischen Gewinnes, welcher der Eidgenossenschaft in Folge des Zustandekommens eines Werkes, für dessen Verwirklichung Cantone, Eisenbahngesellschaften & Privaten fast übermenschliche Anstrengungen machen, wie eine gebratene Taube in den Mund fliegt! – Will die Eidgenossenschaft diese Taube ganz verspeisen & muß also die halbe Million anderswo gesucht werden, so ließe sich vielleicht davon reden, daß| man derjenigen Stadt, beziehungsweise demjenigen Cantone, wohin der Sitz der Gotthardbahnunternehmung verlegt werden wird, die Bezalung der fraglichen Summe überbinden würde.7 – Von einer Nationalsubscription möchte ich darum nicht sprechen, weil mir immer vorschwebt, daß man derselben zur Bildung der Gesellschaft noch bedürfen könnte. – Bevor ich dieses Thema verlasse, erlaube ich mir noch eine Seite der vorwürfigen Frage zu berühren. Vielleicht ist es ganz practisch, wenn die Schweizerische Subvention bei Behandlung des Gotthardvertrages in der Bundesversammlung noch nicht vollständig beigebracht ist. Ich könnte mir denken, daß, wenn die Schweizerische Subvention in ihrem ganzen Umfange gesichert wäre, sich eine gewisse Üppigkeit eines| guten Theiles der Gotthardisten in der Bundesversammlung bemächtigen & daß die Mitglieder der Räthe, welche ich hiebei im Auge habe, die 20 Millionen in der Tasche die Bedingungen, welche im Zürcher'schen Cantonsrathe vorgeschlagen worden8, reproduziren oder andere verwandte Dinge auf die Bahn bringen dürften. Ist die Schweizerische Subvention noch nicht vollständig beschafft, so wäre vielleicht auf etwas mehr verständige Mäßigung zu zählen! Item, das sind so Ansichten eines Menschen, der nolens volens schon viele psychologische Studien zu machen im Falle war. Ich bin der Belehrung zugänglich & ganz bereit, die Besprechung der von Ihnen angeregten Frage auf dem Wege der Correspondenz oder auf anderm Wege mit Ihnen fortzusetzen.

Der Gedanke Gonzenbach's9, von Bundes| wegen oder von der Gotthardvereinigung aus vermittelst besonderer Mission Bismark10 anzugehen, daß er vor Behandlung des Gotthardvertrages im Italienischen Parlamente die an der deutschen Subvention fehlenden 7 Millionen quasi als gesichert erkläre, scheint mir abgelehnt werden zu müssen, wie Sie sich denn auch bereits gegen denselben ausgesprochen haben.11 Vorerst glaube ich, daß wie die Dinge gegenwärtig in Italien stehen, einer Ratification des Vertrages durch das dortige Parlament auch ohne eine solche vorgängige Erklärung Bismark's entgegen gesehen werden kann, & sodann & ganz besonders fällt bei mir für die Ablehnung in die Waagschale, daß Bismark eine derartige Erklärung nie abgeben würde. Ich habe im März bei der Unterredung, die ich mit ihm hielt, den Gedanken einer solchen quasi Gewährlei| stung der deutschen Subvention durch den Norddeutschen Bund anklingen lassen, bin aber sogleich auf entschiedenen Widerstand gestoßen. Wie vorsichtig B. in dieser Richtung vorgeht, sieht man am besten aus der Reservation, die er hinsichtlich des von den Eisenbahngesellschaften zu beschaffenden Beitrages an die deutsche Subvention seinen neusten Eröffnungen an den Bundesrath beifügen zu sollen geglaubt hat. Was wir, wie die Dinge heute stehen, in Sachen allein thun können, besteht, wie mir scheint, darin, daß wir uns über den Beitritt des Norddeutschen Bundes zu dem Gotthardvertrage, unter welchen Bismark seinen Namen setzen will, freuen &, so viel in unsern Kräften steht, darauf hinwirken, daß der Norddeutsche Bund unter Aufbietung aller ihm zu Gebote stehenden Mittel auf die Completirung der deutschen Subvention | bis auf den in Aussicht genommenen Betrag hinwirke. Wie ich Ihnen am Samstage telegraphisch12 mitzutheilen die Ehre hatte, bin ich mit dem Verfahren vollkommen einverstanden, welches die Gotthardcommission des Bundesrathes gegenüber den neusten Eröffnungen des Norddeutschen Bundes in Anwendung zu bringen gedenkt.

Stamm telegraphirte mir am Samstage von Florenz13, daß das Ministerium wegen der Invasionsgeschichte sehr erbost & Willens sei, den Gotthardvertrag dem Parlament erst, nachdem es von der Schweiz Satisfaction erhalten habe, vorzulegen. Die gestrige Depesche14 gibt von einer mildern & – verständigern Stimmung des Ministerium's Zeugniß. Sie meldet, Gadda15 sei beauftragt, den Gesetzesentwurf betr. den Gotthard zur| Vorlage an das Parlament auszuarbeiten.

Ich denke, der Bundesrath werde Italien, soweit es in der Invasionsgeschichte in seinem Rechte ist, auch Recht geben. Sehr dankbar wäre ich Ihnen für einige Mittheilungen über den Stand dieser Angelegenheit, damit ich mich in meiner Correspondenz mit Italien darnach richten könnte.

Stamm schreibt & telegraphirt mir fortwährend, die Rückkehr Gonzenbach's nach Florenz sei ganz überflüssig. Hinwieder soll Gonzenbach die Ansicht aussprechen, daß Stamm's «Frechheiten» in Florenz mehr schaden als nützen dürften. Ich denke, Stamm verstehe sich besser auf die Italienische Mode als Gonzenbach!

Damit Sie sehen, wie das Häberlin'sche Organ16 im Thurgau die Gotthardangelegen| heit behandelt, erlaube ich mir, eine Nummer dieses Blattes beizulegen.17

Von Sybel18 bin ich zur Stunde noch ohne Antwort. Wenn ich morgen früh keinen Brief von ihm erhalte, werde ich ihn telegraphisch moniren.

Mit freundschaftlichem Gruße

Ganz Ihr

Dr A Escher

Zürich
6 Juni 1870.

Kommentareinträge

1 Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 1. Juni 1870.

2Escher äussert sich am 2. Juni 1870 über besagte Briefstelle, die er als Hinweis auf Schuldzuweisungen verstand. Tags darauf klärt Welti das Missverständnis auf. Alfred Escher an Emil Welti, 2. Juni 1870; Emil Welti an Alfred Escher, 3. Juni 1870.

3Im Bericht des Bundesrates an die Bundesversammlung vom 30. Juni 1870 wird eine fest übernommene Subventionssumme von 19 240 000 Franken genannt, womit noch 760 000 Franken ungedeckt waren. Vgl. Botschaft BR Gotthardvertrag 1870, S. 858.

4Der vom Bundesrat der Bundesversammlung bezüglich der Genehmigung des Staatsvertrages von 1869 vorgelegte Beschlussantrag enthielt den Vorbehalt, dass die Ratifikation erst erfolgen könne, wenn die schweizerische Subvention vollständig gesichert sei. Welti äusserte Bedenken über diesen Vorbehalt: «Abgesehen davon, dass in der Bundesversammlung den Gegnern dadurch eine Handhabe für die Rückweisung gegeben wird, muss es dem Ausland ganz unbegreiflich vorkommen, dass die Schweiz nicht im Stande gewesen sein soll, den letzten vierzigsten Theil ihrer Subvention für ein solches Werk bis zum Moment der endlichen Genehmigung durch die oberste Landesbehörde beizubringen.» Emil Welti an Alfred Escher, 2. Juni 1870. Vgl. Botschaft BR Gotthardvertrag 1870, S. 859–860, 865.

5Welti zog zwei Möglichkeiten zur Beschaffung der noch fehlenden Schweizer Subvention in Erwägung: die Übernahme durch alle Subventionierenden im Verhältnis ihrer bereits geleisteten Subventionen oder die vorläufige Leistung einer Garantie durch einen Subventionierenden oder einen Dritten. Beide Varianten schienen schwer durchführbar.Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 2. Juni 1870.

6 Art. 21 der Bundesverfassung von 1848 gestattete dem Bund die Errichtung oder Unterstützung öffentlicher Werke. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 3. / 4. Oktober 1863.

7Tatsächlich übernahm die Stadt Luzern, um zum Sitz der Gesellschaft bestimmt zu werden, einen beträchtlichen Teil der fehlenden Subvention. Die Gotthardvereinigung, Absatz 49.

8Escher beantragte am 28. März im Zürcher Kantonsrat eine bedingungslose Unterstützung des Gotthardunternehmens bei gleichzeitiger Rückweisung des Subventionsbegehrens für das Splügenprojekt. Dieser Antrag wurde angenommen, obwohl er von Seite der Demokraten vehement bekämpft wurde. Von diesen aufgeworfene Bedingungen betrafen die Forderung, für das Verkehrsgebiet Zürichs dieselben Bedingungen und Erleichterungen bezüglich Transporttarifen und Differentialtaxen zu erhalten, wie sie den Subventionsstaaten für den Transitverkehr zugestanden würden, sowie die Zusicherung, das Splügenprojekt im gleichen Masse zu unterstützen wie das Gotthardunternehmen. Vgl. NZZ, 17. März 1870, 29. März 1870, 30. März 1870, 31. März 1870; Alfred Escher an Emil Welti, 23. Januar 1878.

9 August von Gonzenbach (1808–1887), Grossrat und Nationalrat (BE), Direktionspräsident der Berner Handelsbank; Gonzenbach lobbyierte im Auftrag der Gotthardvereinigung in Italien.

10 Otto von Bismarck (1815–1898), Ministerpräsident und Aussenminister des Königreichs Preussen, Kanzler des Norddeutschen Bundes.

11Welti teilte Gonzenbach in einer Unterredung am 1. Juni mit, dass der Bundesrat eine Sondermission ablehnen würde. Er erklärte sich bereit, an Escher zu schreiben, damit dieser allenfalls eine solche spezielle Mission durch die Gotthardvereinigung veranlasse, unterstützte diesen Vorschlag aber nicht. Gegen eine Entsendung Gonzenbachs sprach auch, dass dieser zumindest beim preussischen Oberbaudirektor Theodor Weishaupt keine Persona grata zu sein schien. Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 2. Juni 1870.

12Telegramm nicht ermittelt.

13Telegramm nicht ermittelt.

14Telegramm nicht ermittelt.

15 Giuseppe Gadda (1822–1901), Senator und Minister für öffentliche Arbeiten des Königreichs Italien.

16 Häberlin gab ab März 1867 die «Thurgauer Volkszeitung» heraus. Vgl. Mebold, Häberlin, S. 287–288.

17Beilage nicht ermittelt.

18 Alexander von Sybel (1823–1902), Mitglied des preussischen Abgeordnetenhauses und des Reichstags des Norddeutschen Bundes.