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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2466 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 138

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Freitag, 3. Juni 1870

Schlagwörter: Gotthardbahnprojekt, Italienisches Parlament, Splügenbahnprojekt, Staatsverträge, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeehrter Herr

Unter bester Verdankung Ihrer heutigen Mittheilungen lege ich die Abschrift des Briefes an Sybel1 wieder bei. Vor allem ist es mir nun daran gelegen Sie zu versichern dass meine Bemerkungen über die Verhandlungen mit der deutschen Finanz keineswegs von dritter Seite sondern durch Ihre telegraph. Mittheilung über die Machinationen der Splügisten in Paris veranlasst worden sind.2 Ich würde auch indirecten Anschuldigungen Ihrer Person anders als durch die Übernahme der Vermittlung an Sie zu begegnen wissen, da ausser Ihnen wahrlich gar niemand besser als ich weiss wie kindisch und lächerlich sich solche Suppositionen ausnehmen würden. Herr v. Röder hat wie er mir sagt in Folge eines ihm von Bleichröder3 zugegangenen Briefes Sie über denselben Gegenstand unterhalten. |

Heute ist eine Note von Bismark4 bei der preussischen Gesandtschaft angelangt, worin diese beauftragt wird uns zu eröffnen dass der norddeutsche Bund bereit sei sofort dem Vertrage vom 15. Oct. v. J. beizutreten. Dabei müsste – so lautet der Sinn, der Text liegt mir nicht vor – allerdings der Vorbehalt gemacht werden, welcher in Art. 2 des Gesetzes über die Gotth.Subv. wegen der beiden von den Bahnen herrührenden Millionen enthalten sei; dieser Vorbehalt sei aber nur ein formeller, da an der Ratification durch die Generalversammlungen nicht zu zweifeln sei. Da diese Versammlungen aus Statutengemässen Gründen vor dem Ablauf des Termins5 nicht mehr abgehalten werden könnten, so glaube die Regierung dieselben nicht abwarten zu sollen und schlage uns vor unserm Gesandten in Berlin6 | die nöthigen Vollmachten zu ertheilen um mit ihm (Bismark) die Übereinkunft über den Beitritt abzuschliessen. Eine gleiche Einladung sei auch an Florenz ergangen. Wolle man die Übereinkunft in anderer Weise (in Bezug auf Ort u Personen) ins Werk setzen, so sei er auch damit einverstanden.

Der Gotthardausschuss7 hat nun heute über diese Proposition eine vorläufige Besprechung gehalten u gefunden es sei dieselbe principiell anzunehmen, weil durch die förmliche vertragsmässige Verpflichtung von Norddeutschland ein bedeutender Schritt gethan sei. Dagegen müsse des bestimmtesten dafür gesorgt werden, dass NDeutschland gleichzeitig anerkenne dass der Vertrag nur durch die Beibringung von weiteren 10 Mill. deutscher Subventionen8 vollziehbar werde und dass es sich hiefür in möglichst kurzer Frist bemühen wolle.| Was den Conferenzort anbetrifft so hätten wir bei freier Wahl Bern vorgezogen, aber einerseits stand der Wunsch von Bismark entgegen welcher darauf zu halten scheint die Sache selbst in die Hand zu nehmen, was uns nur lieb sein kann und anderseits liess die Verhandlung in Berlin eine raschere Erledigung, die namentlich für das italien. Parlament sehr wünschbar ist, voraussehen.

Herr Dubs hat sich in diesem Sinne mit Herrn Melegari9 verständigt welcher unsere Anschauung nach Florenz berichtet hat (telegr.) u die Antwort schon auf morgen erwartet. Wenn Sie mich über diese Angelegenheit noch zu sprechen wünschen so stehe ich zu einer Conferenz in Olten auf morgen Mittag zur Disposition, was noch möglich sein wird da Sie diesen Brief wie ich hoffe morgen früh erhalten.

Mit freundschaftl. Grusse

Ihr ergebenster

E Welti

Bern den 3. Juni 1870.

Wir bezahlen für den □-Kilometer (Curven von 10 zu 10 Meter) Fr.28.10

Kommentareinträge

1 Alexander von Sybel (1823–1902), Mitglied des preussischen Abgeordnetenhauses und des Reichstags des Norddeutschen Bundes.

2Escher, der diese Bemerkungen als Mitteilung von Kritik Dritter verstand, verteidigt sich in seinem Brief an Welti vom 2. Juni. Alfred Escher an Emil Welti, 2. Juni 1870.

3 Gerson von Bleichröder (1822–1893), Berliner Bankier, Leiter des Bankhauses S. Bleichröder.

4 Otto von Bismarck (1815–1898), Ministerpräsident und Aussenminister des Königreichs Preussen, Kanzler des Norddeutschen Bundes.

5Als Termin für den Beitritt der deutschen Staaten zum Staatsvertrag von 1869 war am 26. April durch eine Verlängerung der ursprünglich festgesetzten Frist der 31. Juli 1870 bestimmt worden. Emil Welti an Alfred Escher, 18. April 1870.

6 Bernhard Hammer (1822–1907), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister der Schweiz in Berlin.

7Gemeint ist die Gotthardbahnkommission des Bundesrates.

8An der internationalen Gotthardkonferenz in Bern im September und Oktober 1869 war die gemeinsame Subvention der deutschen Staaten auf 20 Mio. Franken festgesetzt worden. Der Norddeutsche Bund beschloss am 25. Mai 1870, sich daran mit 10 Mio. zu beteiligen. Emil Welti an Alfred Escher, 24. Mai 1870; Die Gotthardvereinigung, Absatz 33.

9 Luigi Amedeo Melegari (1805–1881), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister des Königreichs Italien in Bern.

10Ergänzung am Rand der letzten Seite.