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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2464 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Donnerstag, 2. Juni 1870

Schlagwörter: Bundesrat, Staatsverträge, Vereinigte Bundesversammlung, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeehrter Herr

Der Gotthardausschuss hatte sich vorläufig dahin verständigt den Bundesbeschluss betr. die Genehmigung des Vertrages vom 15. Oct. 69. dem Sinne nach in folgender Weise zu fassen:

Art. 1. Genehmigung des Vertrages

Art. 2. Vollmacht an den Bundesrath die im Art. 21. des Vertrages vorgesehene Frist wenn nöthig von sich aus auf dem Vertragswege zu erstrecken.

Art. 3. Der Austausch der Ratificationen erfolgt erst wenn der Rest der Subventionen (d. h. der schweiz.) in gleicher Weise wie die 19 Mill. gesichert ist.

Die Nothwendigkeit dieses letzten Artikels nun ist es was uns einige Bedenken macht. Wenn wir den Vertrag der ohnediess schon mit einer Resolutivbedingung behaftet ist, von uns aus noch weiter bedingen müssen, so wird | dieser Umstand nothwendig von den unangenehmsten Folgen begleitet sein. Abgesehen davon, dass in der Bundesversammlung den Gegnern dadurch eine Handhabe für die Rückweisung gegeben wird, muss es dem Ausland ganz unbegreiflich vorkommen, dass die Schweiz nicht im Stande gewesen sein soll, den letzten vierzigsten Theil ihrer Subvention für ein solches Werk bis zum Moment der endlichen Genehmigung durch die oberste Landesbehörde beizubringen. Die Abhülfe ist nun allerdings schwierig; am einfachsten wäre es wenn die sämmtlichen Subventionirenden es übernehmen würden die fehlende halbe Million im Verhältnisse ihrer Subventionen zu bezahlen. Dazu wird es nun aber einerseits am Willen und anderseits an der Competenz fehlen wenn man nicht den ganzen Apparat von Grossen Räthen und Volksabstimmungen in Bewegung setzen will. Ein anderer Ausweg wäre der dass irgend jemand, sei es ein Subventioniren| der oder ein dritter die Garantie für den Rest gegenüber dem Bund übernähme und dann nachher die nöthige Summe aufgebracht würde. Das letztere wird aber um so schwerer halten sobald der Bund sich definitiv verpflichtet hat. Ohne alle Rücksicht auf diese Verhältnisse sehe ich aber überhaupt nicht ein, woher wir noch irgend etwas erhalten sollen und meine Bitte geht wesentlich dahin, dass Sie mir sagen möchten welches in dieser Beziehung Ihre Anschauungen seien.

Im Weitern habe ich noch über eine Unterhaltung zu berichten welche ich gestern mit Herrn Gonzenbach hatte. Derselbe erklärte mir, was er übrigens schon in Ihrer Gegenwart that, dass es von höchstem Interesse wäre, wenn die Norddeutsche Regierung derjenigen von Italien die Versicherung geben wollte, die Beibringung der fehlenden 7 Millionen sei unzweifelhaft und es werde sich Norddeutschland hiefür alle Mühe geben. Der Bundesrath sollte allem | aufbieten um Bismark zu einer solchen Eröffnung zu vermögen. Ich theilte Herrn G. mit, dass Herr Hammer in diesem Sinne Aufträge erhalten habe u dass ich ihm überdiess privatim geschrieben hätte. Wie Sie voraussehen werden kam die Sache darauf hinaus es müsse jemand zu Bismark geschickt werden um speciell in dem Sinne zu wirken. Die Erwiederung dass nach Wiederherstellung von Herrn Hammer ein solcher Schritt vom Bundesrath abgelehnt würde, veranlasste H. v. G. zu der Erklärung, in dem Falle soll die Gotthardvereinigung die Mission veranstalten und zu der Bitte ich möchte Ihnen darüber schreiben, was ich auch zu thun versprach, ohne mich aber mit dem Antrag einverstanden zu erklären. Es scheint mir dass alles was in dieser Beziehung erreichbar ist auch durch Hammer erreicht werden kann | und dass H. v. G. wohl kaum einen bessern Erfolg haben würde und zwar um so weniger als nach einer Äusserung von Weisshaupt derselbe, wenigstens bei letzterem, nicht gerade ein persona grata wäre. Haben Sie die Güte mir diessfalls Ihre Ansicht mitzutheilen damit ich H. v. G. verständigen kann.

Mit freundschaftlichem Grusse

Ihr ergebenster

E Welti

Bern
2. Juni 1870.