Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2463 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 137

Alfred Escher an Emil Welti, Zürich, Donnerstag, 2. Juni 1870

Schlagwörter: Bundesrat, Gotthardbahnprojekt, Presse (allgemein), Schweizerische Bundesverfassung

Briefe

Hochgeachteter Herr!

Besten Dank für Ihre verschiedenen Telegramme1 & für Ihr verehrl. Schreiben2 von gestern. Das mir gütig mitgetheilte Schreiben3 Imhof's4 über Munch5 lege ich diesen Zeilen bei.6

Der einstimmige Beschluß des Bundesrathes betr. den Antrag an die Räthe auf Genehmigung des Gotthardvertrages hat mich sehr gefreut & ich bedaure nur, daß die Ausarbeitung der Botschaft nicht Ihnen übertragen worden ist.7

Sie halten es für wünschbar, daß die Verhandlungen mit der deutschen Finanz so bald als möglich vorrücken würden & zu einem vorläufigen Abschlusse gelangen könnten. Daß ich es, wie Sie übrigens vor| auszusetzen die Güte haben, nicht an mir fehlen lasse, werden Sie aus meinem Schreiben8 vom 25. Mai an Sybel9, das ich Ihnen am letzten Sontage mitzutheilen die Ehre hatte, entnommen haben & wollen Sie aus der beiliegenden Copie meines gestrigen Schreibens10 an denselben H. von Sybel zu entnehmen die Gefälligkeit haben. Es kommt mir fast vor, als würden nicht Sie, aber Mitglieder des Gotthardausschusses11, welche sich an Sie wenden, die Besorgniß hegen, als würde etwas von mir versäumt. Es macht mich dieß durchaus nicht empfindlich, abgehärtet, wie ich es geworden bin & habe werden müssen: aber es will mir scheinen, die Betreffenden würden, falls sie etwas gegen mich auf dem Herzen haben, gerader & loyaler handeln, wenn sie| es mir direct mittheilen würden, statt Sie mit ihren Scrupeln zu behelligen. Es sollte mich wundern, wenn Sie diese Anschauungsweise nicht theilen würden.12

Den Notizen über die Beschlüsse des Bundesrathes po Revision der Bundesverfassung, welche sich in den heutigen öffentlichen Blättern finden, glaube ich entnehmen zu dürfen, daß Sie über die Referendumscomödie, welche zur Aufführung gebracht werden wollte, Meister geworden sind.13 Wenn dem wirklich so ist, so nehmen Sie meine herzlichen Glückwünsche zu diesem Erfolge entgegen.

Und nun möchte ich Sie noch um die Gefälligkeit bitten, mir gütigst mittheilen zu wollen, wie viel das topographische Bureau für Terrainaufnahmen mit Hori| zontalcurven von 10 zu 10' Höhe per Quadratkilometer bezalt.

Entschuldigen Sie die Bemühungen, die ich Ihnen beständig verursache, & seien Sie in freundschaftlicher Hochachtung gegrüßt von

Ihrem

Dr A Escher

Zürich
2. Juni 1870.

Kommentareinträge

1 Vgl. Telegramm Emil Welti an Escher, 31. Mai 1870 (1) (BAR J I.2); Telegramm Emil Welti an Escher, 31. Mai 1870 (2) (BAR J I.2); Telegramm Emil Welti an Escher, 1. Juni 1870 (BAR J I.2).

2 Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 1. Juni 1870.

3Brief nicht ermittelt.

4Vermutlich Franz Julius Emil Imhof (1829–1911), Kantonsingenieur (AG).

5 Arnold Münch (1825–1895), Nationalrat (AG), Präsident des Bözbergkomitees.

6 Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 1. Juni 1870.

7Der Bundesrat beschloss am 1. Juni, den Staatsvertrag zwischen der Schweiz und Italien von 1869 über den Bau der Gotthardbahn der Bundesversammlung in der bevorstehenden ordentlichen Sommersession zur Genehmigung vorzulegen. Mit der Abfassung der Botschaft an die Räte wurde das Departement des Innern beauftragt. Dessen Vorsteher war Karl Schenk. Vgl. Telegramm Emil Welti an Escher, 1. Juni 1870 (BAR J I.2); Emil Welti an Alfred Escher, 1. Juni 1870; Prot. BR, 1. Juni 1870; Die Gotthardvereinigung, Absatz 33.

8 Vgl. Alfred Escher an Alexander von Sybel, 25. Mai 1870.

9 Alexander von Sybel (1823–1902), Mitglied des preussischen Abgeordnetenhauses und des Reichstags des Norddeutschen Bundes.

10 Vgl. Alfred Escher an Alexander von Sybel, 1. Juni 1870.

11Gemeint ist vermutlich nicht der Ausschuss der Gotthardvereinigung, sondern die Gotthardbahnkommission des Bundesrates, bestehend aus Welti selbst, Schenk und Jakob Dubs.

12Welti schreibt am 1. Juni an Escher, es wäre gegenüber den Machenschaften für den Splügen «von höchster Bedeutung wenn die Verhandlungen mit der deutschen Finanz so bald als möglich vorrücken würden und zu einem vorläufigen Abschluss gelangen könnten» . Er wisse, dass es Escher nicht an sich fehlen lasse, denke aber, es könnte für diesen von Vorteil sein, sich auf den «Gotthardausschuss» berufen zu können. Welti klärt das Missverständnis (es handle sich bei diesen Äusserungen um Kritik Dritter) in seinem Brief vom 3. Juni auf. Emil Welti an Alfred Escher, 1. Juni 1870. Emil Welti an Alfred Escher, 3. Juni 1870.

13Bei Beratung der Revision der Bundesverfassung lehnte der Bundesrat am 31. Mai, gegen die Stimmen von Dubs und Jean-Jacques Challet-Venel, die Aufnahme eines Zusatzartikels bei der Erweiterung der Volksrechte ab, wonach «alle wichtigern gesezgeberischen Schlussnahmen der Bundesversammlung» dem Volk zur Abstimmung vorgelegt werden müssten, sofern dies von einer der Parlamentskammern beschlossen oder von 50 000 Stimmbürgern verlangt würde. Prot. BR, 31. Mai 1870. Vgl. NZZ, 2. Juni 1870; Intelligenzblatt für die Stadt Bern, 2. Juni 1870.