Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2456 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 136

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Dienstag, 24. Mai 1870

Schlagwörter: Bundesrat, Gotthardbahnprojekt, Staatsverträge, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeehrter Herr

Ich danke Ihnen verbindlich für den gestrigen Bericht1 über die dortige Abstimmung, der mir grosse Freude gemacht hat2 und lege Ihnen einen Brief3 bei den ich so eben von Weishaupt erhalten habe. Nachdem sich Delbrück4 gegen Mercier5 bestimmt ausgesprochen er für seine Person sei geneigt künftige Subsidien preuss. Bahnen nicht einzurechnen, halte ich dafür dass die gegentheilige Ansicht von W. ebenfalls nur seine persönliche Meinung sei.

Bedenklich macht mich §. 2 des Ent| wurfes6 weil ich glaube daraus schliessen zu müssen, dass der Beitritt zu dem Vertrage erst nach der Ratification der Bahnsubsidien durch die betr. Generalversammlungen erfolgen wird, während eine rasche Erledigung dieses Punctes sehr wünschbar wäre.

Ebenso glaube ich dass es im In- u Ausland von guten Folgen sein würde, wenn der Bundesrath in einer nächsten Sitzung den Beschluss fasste den Vertrag im Juli der Genehmigung der BVersammlg zu unterstellen. Es könnte diess auch für den Fall geschehen dass bis dorthin noch| nicht die ganze Subsidiensumme zusammengebracht wäre. Der Bundesrath würde die Ermächtigung verlangen 1) den Vertrag mit Italien zu ratificiren sobald der noch fehlende Rest in gleicher Weise wie die bereits zugesagten Subsidien gesichert sein werde u 2) eventuell die Frist für Beibringung der deutschen Subventionen mit den Mitcontrahenten zu verlängern.

Ich werde übrigens in dieser Richtung nichts thun, wenn Sie sich nicht damit einverstanden erklären, bemerke übrigens dass der Gotthardausschuss7 mit diesem Vorgehen einverstanden wäre. |

Darf ich Sie schliesslich noch bitten, mir einen allfälligen Bericht den Sie über die heutigen Verhandlungen in Berlin erhalten telegraphisch mitzutheilen. Ich bin nicht sicher ob wir eine Mittheilung zu gewärtigen haben u noch weniger ob dieselbe mir persönlich so früh als ich es wünsche, zugehen würde.8

Mit freundschaftl. Hochschätzung

Ihr ergebenster

E Welti

Bern
24. Mai 1870.

Kommentareinträge

1Dokument nicht ermittelt.

2Welti äusserte sich noch am 23. Mai, dem Tag nach der Abstimmung, resigniert gegenüber dem mit Ungeduld erwarteten Beschluss. Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 23. Mai 1870.

3 Vgl. Brief Theodor Weishaupt an Emil Welti, 22. Mai 1870, in: DDS II, S. 355–356.

4 Rudolph von Delbrück (1817–1903), Staatsminister ohne Geschäftsbereich des Königreichs Preussen und Präsident des Bundeskanzleramts des Norddeutschen Bundes.

5 Charles Emanuel Philippe Mercier (1844–1889), Legationssekretär der Schweizer Gesandtschaft in Berlin.

6Am 22. Mai legte der norddeutsche Bundesrat dem Reichstag den Antrag vor, dem Staatsvertrag zwischen der Schweiz und Italien von 1869 beizutreten und eine Subvention von 10 Mio. Franken von Seite des Norddeutschen Bundes zu bewilligen. Art. 2 des Antrags besagte, dass diese Subvention entsprechend verringert würde, falls der darin enthaltene Beitrag der Eisenbahngesellschaften weniger als die vorgesehenen 2 Mio. Franken betragen sollte.Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 23. Mai 1870; Prot. BR, 23. Mai 1870; Sten. Bericht Reichstag Norddeutscher Bund, Anlagen 1870, Aktenstück 200 (S. 764–765).

7Gemeint ist die Gotthardbahnkommission des Bundesrates.

8Am 24. und 25. Mai beriet der Reichstag des Norddeutschen Bundes über den Gesetzesentwurf betreffend die Gotthardbahn. Der Schweizer Gesandte in Berlin, Bernhard Hammer, meldete mit Telegramm vom 25. Mai die unveränderte Annahme des Antrags durch den Reichstag. Eine bezügliche Mitteilung Eschers an Welti konnte nicht ermittelt werden. Vgl. Sten. Bericht Reichstag Norddeutscher Bund, 24. Mai 1870 (S. 1153–1156); Sten. Bericht Reichstag Norddeutscher Bund, 25. Mai 1870 (S. 1187–1192); Prot. BR, 27. Mai 1870; NZZ, 19. Mai 1870, 28. Mai 1870, 31. Mai 1870.