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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2448 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 134

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Dienstag, 17. Mai 1870

Schlagwörter: Bundesrat, Gotthardbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeehrter Herr

Nachdem sich gestern die Commission1 d. h. die Herrn Dubs u Schenk nebst mir dahin geeinigt hatten dem Bundesrathe vorzuschlagen mich nach Berlin zu schicken2 beauftragte Herr Dubs vor der heutigen Bundesrathssitzung den Herrn Schenk den Antrag der Commission zu stellen. In der Discussion nahmen zuerst die beiden welschen Mitglieder3 in negativem Sinne das Wort, worauf Herr Dubs erklärte dass er die Anschauung die| ser Herrn theile aber gleichwol nichts dagegen habe dass ich nach Berlin gehe, wenn überhaupt jemand hingehen soll.4 Herr Näf5 war abwesend. Ich hoffe Sie werden es billigen dass ich auf die Erklärung des Herrn Dubs erwiederte ich halte an dem Antrag der Commission eine besondere Mission zu veranstalten entschieden fest, werde aber dieselbe un| ter keinen Umständen annehmen nachdem ich mich davon heute überzeugt habe dass die Mehrheit der Behörde dagegen sei. Da Herr Schenk den Vorschlag in Bezug auf meine Person festhielt, so erfolgte die Abstimmung in meinem Austritt u es wurde durch Stichentscheid beschlossen mir die Mission aufzutragen.6 Obschon mein Entschluss| feststand wollte ich mich doch selbst vor Übereilung schützen und bat um eine Frist von einigen Stunden, während welcher ich zu der Überzeugung gelangte, dass die Annahme des Mandates nach solchen Vorgängen für mich eine Unmöglichkeit sei.7

Ich beschränke mich auf diese kurze Notiz u behalte mir mündliche Aufschlüsse vor.

Mit vollster Hochachtung

Ihr

E Welti

Bern 17 Mai 1870.

Kommentareinträge

1Gemeint ist die Gotthardbahnkommission des Bundesrates.

2In Berlin wurde in diesen Tagen über die Gotthardsubvention des Norddeutschen Bunds beraten. Als bekannt wurde, dass der norddeutsche Beitrag weniger hoch ausfallen würde als erhofft, regte Welti den bereits am 3. Mai erwogenen Gedanken einer persönlichen Mission erneut an, um wenigstens noch auf die süddeutschen Staaten einwirken zu können. Im Fall der Annahme wollte er noch am Abend des 17. Mai nach Berlin abreisen. Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 3. Mai 1870; Emil Welti an Alfred Escher, 12. Mai 1870; Emil Welti an Alfred Escher, 16. Mai 1870; Emil Welti an Alfred Escher, 7. Mai 1870; Emil Welti an Alfred Escher, 14. Mai 1870; Die Gotthardvereinigung, Absatz 33.

3Gemeint sind Paul Cérésole (1832–1905), Bundesrat (VD), und Jean-Jacques Challet-Venel (1811–1893), Bundesrat (GE).

4Welti meldete Escher schon amTag zuvor, als er ihn über den Entscheid der Gotthardbahnkommission informierte, dass Dubs «offenbar nur mit Widerwillen zu dieser Massregel» helfe. Emil Welti an Alfred Escher, 16. Mai 1870.

5 Wilhelm Matthias Näff (1802–1881), Bundesrat (SG).

6Die dritte Ja-Stimme neben jener von Schenk und dem Stichentscheid von Bundespräsident Dubs stammte offenbar von Josef Martin Knüsel. Escher schrieb am 13. Mai an Welti, er habe Josef Zingg veranlasst, an Knüsel zu schreiben, damit sich dieser «mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln» für Weltis Mission nach Berlin einsetze. Alfred Escher an Emil Welti, 13. Mai 1870.

7Welti gab dem Bundesrat noch am 17. Mai die Erklärung ab, dass er die Mission nicht annehmen könne. Vgl. Prot. BR, 18. Mai 1870.