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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2441 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 132

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Samstag, 14. Mai 1870

Schlagwörter: Deutscher Bundesrat, Diplomatische Aktivitäten, Splügenbahnprojekt, Vereinigte Bundesversammlung, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeehrter Herr

Ich stelle Ihnen mit verbindlichem Danke die drei Briefe1 ( Sybel2 und Gonzenbach3 ) wieder zurücku theile Ihnen folgendes mit.

Ein heute angekommener Brief des Herrn Hammer4 datirt vom 12. d. M. sagt:

«es ist zwar von Seite des Bundeskanzleramtes mit der Cöln–Mindener Bahn noch nicht alles ins Reine gebracht; doch erwartet Delbrück5 heute Abend die Schlusserklärung dieser Gesellschaft über einen noch streitigen Punct der Beitragsbedingungen. Sollte diese Erklärung ablehnend lauten, so ändert das die Sachlage nur dahin, dass die norddeutsche Gotthardsubvention von 12 Millionen, statt 4½ nur 3½ M. Beiträge von Bahnen etc. in sich begreifen| würde, nämlich 1½ M. von der Bergverwaltung, 1 M. von der bergisch-märkischen, 1 Million von der rheinischen Bahngesellschaft. Der nordd. Bund übernähme dann die sonst auf die Cöln–Mindener Bahn entfallende Million auf sich, so dass seine wirkliche eigene Leistung dann 8½ statt 7½ Millionen betrüge.»

Gestern Abend (den 13ten ) langt nun das Ihnen durch Herrn von Röder mitgetheilte Telegramm an, in welchem Herr Hammer (Abends 7 Uhr) sagt:

«Gedruckter an die Bundesräthe ausgetheilter Vorschlag lautet nur auf zehn Millionen. Streng confidentiell. Brief folgt.»

Wie das zu verstehen ist begreife ich nicht; man weiss nicht ob in den zehn Millionen die| Präcipualbetheiligung Preussens inbegriffen sein soll oder nicht. Im einen wie im andern Falle stimmt dieser Bericht nicht mit obigem Briefe. Wir haben daher sofort an Hammer telegraphirt er möge uns ungesäumte Auskunft geben; ich hoffe die Antwort kommt heute noch an; ich übermittle sie Ihnen sofort und bezeichne darin den NDeutschen Bund mit «Bund» und Preussen mit «Canton».6

Ich bin durch das «nur» in der Depesche von Hammer beunruhigt, weil dasselbe nur einen Sinn hat, wenn die 10 M. die Total Subvention von NDeutschland incl. Preussen darstellen.7

Hammer reclamirt in seinem Briefe auch noch weitere Exemplare der Splügen-Broschüre.8 | Von Herrn Gonzenbach habe ich gestern einen mit dem Ihrigen durchaus gleichlautenden Brief erhalten. Das Abkommen mit Stamm ist sehr glücklich.9

Schliesslich rege ich noch die Frage an wie es mit der Tessiner-Concession für die Cittigliolinie (LocarnoMagadino) steht. Ist man sicher dass uns nicht von Tessin selbst in der Bundesversammlung Schwierigkeiten bereitet werden?

Mit freundschaftl. Hochachtung u Ergebenheit

E Welti

Bern
14. Mai 1870.

Kommentareinträge

1 Vgl. unter anderem Alexander von Sybel an Alfred Escher, 11. Mai 1870; August von Gonzenbach an Alfred Escher, 10. Mai 1870.

2 Alexander von Sybel (1823–1902), Mitglied des preussischen Abgeordnetenhauses und des Reichstags des Norddeutschen Bundes.

3 August von Gonzenbach (1808–1887), Grossrat und Nationalrat (BE), Direktionspräsident der Berner Handelsbank; Gonzenbach lobbyierte im Auftrag der Gotthardvereinigung in Italien.

4 Bernhard Hammer (1822–1907), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister der Schweiz in Berlin.

5 Rudolph von Delbrück (1817–1903), Staatsminister ohne Geschäftsbereich des Königreichs Preussen und Präsident des Bundeskanzleramts des Norddeutschen Bundes.

6 «Nach so eben eingehendem Bericht geben Bund und Canton zusammen zehn.» Telegramm Emil Welti an Escher, 14. Mai 1870 (BAR J I.2).

7Der dem norddeutschen Bundesrat vorgelegte Antrag des Bundeskanzleramts vom 12. Mai sah eine Gesamtsubvention von 10 Mio. Franken vor. Delbrück sprach sich in der Sitzung des preussischen Staatsministeriums vom 12. Mai zunächst für eine norddeutsche Subvention von 12 Mio. Franken aus. Dies stiess bei einigen Ministern trotz grundsätzlicher Unterstützung des Alpenbahnunternehmens auf Widerstand, worauf Delbrück erklärte, der Norddeutsche Bund müsse wenigstens die Hälfte der auf Deutschland entfallenden 20 Mio. Franken übernehmen.Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 15. Mai 1870; Prot. Preussisches Staatsministerium VI/1, 12. Mai 1870 (S. 180–181).

8Das 1869 neugebildete Splügenkomitee hatte die französischen Bauunternehmer Vitali und Compagnie mit der Ausarbeitung eines Vorprojekts und Kostenvoranschlags für eine Splügenbahn beauftragt. Auf die Veröffentlichung des Projekts reagierte die Gotthardvereinigung im April 1870 mit der Publikation einer von Gottlieb Koller verfassten Broschüre «Gotthard und Splügen in technischer und finanzieller Beziehung», in der dieser die Mängel des Splügenprojekts darlegte. Vgl.Chemin de fer de Lecco à Coire, par le Splugen. Avant-Projet. Partie comprise entre Riva de Chiavenna et Coire (SBB Historic VGB_GEM_SBBZH104_039); Ausschuss Gotthardvereinigung, Gotthard und Splügen; NZZ, 19. Februar 1870, 24. Februar 1870, 25. Februar 1870, 26. Februar 1870; Gygax, Wirth-Sand, S. 37–38; Planta, Alpenbahn, S. 96; Schmidlin, Ostalpenbahnfrage, S. 122–123; Wanner, Gotthardunternehmen, S. 170–172; Die Gotthardvereinigung, Ringen mit den Splügenpromotoren.

9Am 26. April nahm Ingenieur Stamm aus Mailand auf Einladung Eschers an der Sitzung des Ausschusses der Gotthardvereinigung teil, berichtete konfidentiell über die Situation in Italien und bot seine Dienste an. Escher wurde beauftragt, mit Stamm über die Übertragung einer Generalagentur zu unterhandeln. Am 13. Mai meldete er Welti, dass mit Stamm «alles abgemacht & unterzeichnet» sei. Alfred Escher an Emil Welti, 13. Mai 1870. Vgl. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 26. April 1870.