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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2436 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 131

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Samstag, 7. Mai 1870

Schlagwörter: Gotthardbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeehrter Herr

Von Herrn Mercier1 kommt so eben ein Brief2 ein. Herr Weisshaupt mit dem er eine Unterredung hatte, sagte ihm, dass der Norddeutsche Bund die nöthigen Schritte thue um die Summe von 20 Millionen voll zu machen.3 Wenn man auch annehme, so habe er sich geäussert, dass der norddeutsche Bund nur 12 Millionen gebe, so werde es leicht sein von Baden 2 weitere Millionen4 und von Würtemberg und Hessen den Rest von 3 Mill. zu erlangen. Die daherigen Schritte gegen diese Staaten seien schon eingeleitet und er zweifle nicht am Erfolg.5

Herr Mercier scheint Herrn Weisshaupt angefragt zu haben ob nicht Schritte von uns gethan werden sollten um den Norddeutschen Bund zu einer directeren Verpflichtung zu vermögen. Dass er diese Frage gethan hat sagt er| zwar nicht aber ich schliesse es nicht bloss aus dem Auftrage den er hiezu von Herrn Dubs erhalten hat sondern auch aus seiner an Obiges anschliessenden Mittheilung, wonach sich Herr W. im Weitern geäussert habe, dass bei gegenwärtigen Stand der Dinge nichts im Stande sein werde die Norddeutsche Regierung von eingeschlagnen Wege abzubringen.

Ferner ist zu bemerken dass Herr Mercier ganz darüber schweigt, ob von hier aus der Gesandtschaft jemand beigegeben werden soll, obschon ihm eine Antwort auf diese Frage durch Herrn Dubs nahe gelegt wurde.6 Ich gehe wohl nicht fehl wenn ich daraus| schliesse dass Herr Mercier eine solche Intervention nicht gern sehen würde.

Unter diesen Umständen hält der Ausschuss dafür dass ausserordentliche Schritte unterbleiben sollen.

Mit freundschaftl. Hochachtung

E Welti

Bern
7. Mai 1870.

Kommentareinträge

1 Charles Philippe Mercier (1844–1889), Legationssekretär der Schweizer Gesandtschaft in Berlin.

2Besagter Brief Merciers stammt vermutlich vom 5. Mai. Am 6. Mai berichtete er erneut über den Stand der Subventionsfrage in Norddeutschland und erwähnte seinen Brief vom Vortag. Vgl. Schreiben Charles Philipp Mercier an Jakob Dubs, 6. Mai 1870, in: DDS II, S. 350–351.

3Gemeint ist die Subvention in Höhe von 20 Mio. Franken, welche die deutschen Staaten an der internationalen Gotthardkonferenz von 1869 als gemeinsamen Beitrag an die Gotthardbahn zugesichert hatten. Die Gotthardvereinigung, Die internationale Gotthardkonferenz von 1869; Die Gotthardvereinigung, Absatz 33.

4 Baden hatte bereits im März eine Subvention von 3 Mio. Franken zugesichert und käme somit insgesamt auf 5 Mio. Emil Welti an Alfred Escher, 22. März 1870.

5 Preussischen Zeitungen war in den folgenden Tagen zu entnehmen, dass die Gesamtsubvention des Norddeutschen Bundes tatsächlich nicht mehr als 12 Mio. Franken betragen würde. Nach Meldungen, die Escher aus Berlin erhielt, herrschten in Betreff der für die 20 Mio. Franken fehlenden Summe von 5 Mio. auch beim norddeutschen Kanzleramtspräsidenten Rudolph von Delbrück «lediglich hoffnungsvolle Überzeugungen oder überzeugungsvolle Hoffnungen & sonst nichts» vor.Alfred Escher an Emil Welti, 13. Mai 1870. Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 12. Mai 1870.

6Am 3. Mai beschloss die bundesrätliche Gotthardbahnkommission, beim Bundesrat zu beantragen, Welti nach Berlin zu schicken, sofern die norddeutsche Regierung in der Subventionsfrage auf ihrem Standpunkt beharre. Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 3. Mai 1870.