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Korrespondenz: Alfred Escher – August von Beckh

AES B2432 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#108*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 130

August von Beckh an Alfred Escher, Stuttgart, Sonntag, 1. Mai 1870

Schlagwörter: Bözbergbahnprojekt, Gotthardbahnprojekt, Personelle Angelegenheiten, Schweizerische Nordostbahn (NOB), Zürich-Zug-Luzern-Bahn (ZZL)

Briefe

Stuttgart 1 Mai 1870.

Hochgeachteter Herr!

Ihr schätzbares Schreiben1 von gestern legt mir wiederholt meine Betheiligung beim Bau der Bötzberg Bahn nahe und ich fühle mich dadurch auf's Neue zum höchsten Dank gegen Sie verpflichtet für die wohlwoll enden Gesinnungen, die Sie mir dadurch beweisen.

Da Sie die Gründe die ich dagegen angeführt habe nicht für ganz genügend gefunden haben, so sehe ich mich genöthigt, unter Festhaltung des zweitgenannten, mich noch etwas ausführlicher über den ersten auszu sprechen, was ich, um nicht unbescheiden zu erscheinen, lieber vermieden hätte.2

Schon vor zehn Jahren, als ich Zürich verließ und hier mich niederließ3 , habe ich den Entschluß gefaßt, daß dieß, nach manchen vorangegangenen mein letzter Umzug sein solle. «An's Vaterland | an's theure, schließ' Dich an»4 , sagt Schiller5 , und die Schweizer waren ihm dabei ein würdiges Vorbild. Wer stetsfort umherzieht, ist nirgends zu Hause, wird nirgends recht warm, wird heimathlos; und nun ist es mir, nach Umfluß dieser zehn Jahre noch mehr als am Beginn derselben zum Be dürfniß geworden mit meinen Landsleuten zu verkehren, und so auch meiner Familie. Eine passende Anstellung im württembergischen Staatsdienst hätte ich wieder angenommen; es kam nicht dazu; andere mehr oder weniger annehm bare im Ausland habe ich consequenterweise aus geschlagen. Mit dem größten Vergnügen und Intereße, und ich darf hinzufügen mit innerlicher Genugthuung habe ich dagegen die mir hochschätz baren Aufträge an der Luzernerbahn und insbesondere am Gotthard vollzogen, die ich Ihnen, hochverehrter Herr, zu verdanken hatte.6 Dieselben waren von kürzerer Dauer, meine Familie konnte also hier bleiben, und das machte sie mir be sonders angenehm und annehmbar.

Es geschah vielleicht mit Ihrem Wissen, daß gleich beim Beginn der letzteren Arbeit Herr Ober baurath Gerwig so wohl als auch ich selbst von dem | leider mittlerweile verstorbenen Herrn Landammann E. Müller7 von Altdorf wegen der Übernahme der Ober-Ingenieurs-Stelle am Gotthard angefragt wurden. Ich habe es damals nicht für nöthig gehalten, Herrn Müller eine directe Antwort zu geben. Herrn Gerwig aber erklärte ich, so oft er die Rede darauf brachte, daß ich darauf nicht reflectire und ich zweifle nicht, daß ihm das so ziemlich die liebenswürdigste Seite an mir war.

Als ich Ihnen vor acht Tagen meine Erwiederung gab, und dabei von den Männern sprach, die etwa für Ihre neuen Unternehmungen zu gewinnen sein dürften8 , gieng ich von der Ansicht aus, der Bötzberg sei der Weg zum Gotthard und es handle sich dabei um mehr, als fünf Jahre. Es war also auch ganz natürlich, daß ich schon für den Bötzberg an Herrn Gerwig dachte. Ich zweifle nicht im Geringsten daran, daß Sie ihn unter dieser Auspicie gewinnen werden und bin auch vollkommen überzeugt, daß dieser ausgezeichnete Ingenieur, der Erbauer der Kinzigthalbahn9 , den an ihn bei Ihren großen Bauten zu stellenden Anforderungen in allen Beziehungen besser als ich Genüge zu leisten im Stande sein wird. |

Ich mußte mir, da Sie einmal in so freundlicher Weise an mich gelangten, allerdings die Möglichkeit denken, daß Sie die Sache anders im Sinne haben. Für diesen Fall dachte ich an Herrn Tobler10 , der Ihnen ja die Luzerner Bahn gebaut hat; der sich, so viel ich mich erinnere, schon als Ingenieur der Nordbahn am Bötzberg umgesehen hat. Wo Herr Kaufmann sich jetzt aufhält ist mir nicht bekannt; ich werde mich erkundigen u. sobald ich Nachricht habe, Ihnen Mit theilung machen. Sollte Ihnen aber Herr Tobler für die Ausführung der Bötzbergbahn, unter etwaiger Beihülfe von meiner Seite, wenn Sie es für nöthig hielten, nicht genügen? und sollte er nicht dafür zu gewinnen sein? Ich wage es beides zu hoffen - und verbleibe in ausgezeichneter Hochachtung

Ihr

ergebenster

A. Beckh.

Kommentareinträge

1 Alfred Escher an August von Beckh, 29. April 1870

2Bereits eine Woche zuvor zeigte sich Beckh über die Anfrage Eschers «mit ausserordentlicher Freude, aber auch mit Trauer erfüllt» und «tief erschüttert» . Als Gründe für seinen Verzicht nannte er einerseits Rücksichten auf seine Familie, andererseits sein «vorgerücktes Alter» . August von Beckh an Alfred Escher, 24. April 1870.

3Beckh verliess 1860 die Schweizerische Nordostbahn, wo er als Oberingenieur gearbeitet hatte. Vgl. Geschäftsbericht NOB 1860, S. 35.

4 Schiller Friedrich, Wilhelm Tell, II, 1. Vgl. Projekt Gutenberg online.

5 Friedrich Schiller (1759–1805), deutscher Dichter.

6Beckh erstellte zusammen mit Robert Gerwig in den Jahren 1863 und 1864 ein Gutachten über die Gotthardbahn, das 1865 im Druck erschien. In einem undatierten Brief aus dieser Zeit schreibt er an Escher: «Keine Aufgabe der Welt hätte mir eine schönere Befriedigung gewähren können, als diejenige, in ihrem Auftrage zur Lösung der großen Frage einer schweizerischen Alpenbahn etwas beizutragen.» August von Beckh an Alfred Escher, [Dezember 1864 ]. Vgl. Beckh/Gerwig, Rentabilität; Wanner, Gotthardunternehmen, S. 95–96; Die Gotthardvereinigung, Absatz 4.

7 Karl Emanuel Müller (1804–1869), Urner Ingenieur; beschäftigte sich bereits ab 1845 mit dem Projekt einer Gotthardbahn (Vermessungsarbeiten).

8Beckh schrieb Escher, er kenne «jüngere Männer [...], die wohl besser als ich im Stande sein dürften, den zu stellenden Anforderungen Genüge zu leisten und die dazu auch bereit sein werden» . August von Beckh an Alfred Escher, 24. April 1870.

9Als erster Teilabschnitt der von Gerwig erstellten badischen Schwarzwaldbahn wurde am 2. Juli 1866 die im Kinzigtal verlaufende Strecke OffenburgHausach eröffnet. Eine ebenfalls unter führender Beteiligung Gerwigs erbaute Verlängerung der Strecke entlang des Kinzigflusses von Hausach nach Freudenstadt wurde erst 1886 vollendet. Vgl. Kuntzemüller, Gerwig, S. 105, 214–223; Robert Gerwig an Alfred Escher, 17. Juli 1870, Fussnote 4.

10 Johann Jakob Tobler (1821–1881), Thurgauer Ingenieur, ehemaliger Mitarbeiter der Schweizerischen Nordostbahn, Bauleiter der Linie ZürichZugLuzern (ZZL).