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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2419 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 128

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Dienstag, 22. März 1870

Schlagwörter: Deutscher Bundesrat, Diplomatische Aktivitäten, Gotthardbahnprojekt, Italienisches Parlament, Staatsverträge, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeehrter Herr

Hammer1 schreibt in einem heute eingegangenen vom 19. d. Mts. datirten Briefe:

«Der Eindruck der Unterredung mit Bismark2 den ich Ihnen gestern mittheilte3, wird mir durch Zusammenhalt mit andern frühern Thatsachen, geheime Nachrichten aus dem Bundeskanzleramt und dem Bundesrath, Benehmen preussischer Staats- u Finanzmänner etc. bestätigt.

Zur Completirung der Thatsachen theile ich Ihnen mit, dass die französ. Botschaft sich mit der Gotthardfrage angelegentlich beschäftigte, ich habe Gründe zu glauben, dass dieselbe auch mit Bismark | darüber conferirte; in welchem Sinne ist selbstredend.4

Das Vorgehen der badischen Regierung5, gegen welches von Berlin aus kaum ernstliche Schritte gethan wurden bezeichnete Delbrück6 schon vor längerer Zeit als ‹verhängnissvoll›. Preussens eventuellen Rückzug hiemit quasi einleitend.

Von Würtembergs Haltung sprach Bismark mit unverholenem Unmuth auch in allgemein politischer Beziehung.7 Die Anordnung einer Conferenz zwischen dem norddeutschen Bund und den Südstaaten erklärte er als unausführbar. Die Haltung Spitzembergs8 zur Gotthard-Angelegenheit schien mir hier eine feindselige zu sein. Die französ. Diplomatie hatte wahrscheinlich auch in| Stuttgart ihren Einfluss.»

Aus Florenz schreibt Pioda unterm 18. d. M.

«J'ai vu le ministre des travaux publics9, le président du conseil10 et plusieurs membres; ils m'ont tous déclaré la ferme intention de présenter la convention du 15 Oct. à l'approbation du parlement.

Les ministres espèrent que Milan mettra 3 millions à la disposition du gouvernement en faveur de la ligne qui sera choisie par le parlement.

Mais ce qui couperait court aux hésitations, ce serait une franche décision de la Suisse et de l'Allemagne|

Ich beschränke mich darauf der Vermittler dieser Hiobsbotschaften zu sein an deren Richtigkeit ich immer noch nicht glauben kann.

Mit Hochachtung und freundschaftlichem Grusse

Ihr ergebenster

E Welti

Bern
22. März 1870.

Kommentareinträge

1 Bernhard Hammer (1822–1907), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister der Schweiz in Berlin.

2 Otto von Bismarck (1815–1898), Ministerpräsident und Aussenminister des Königreichs Preussen, Kanzler des Norddeutschen Bundes.

3Den Inhalt dieses ersten Briefes von Hammer teilt Welti Escher mit Brief vom 21. März mit. Darin berichtet Hammer über eine Audienz bei Bismarck vom 18. März, aus welcher er den unzweifelhaften Eindruck gewann, dass sich Preussen vom Gotthardunternehmen zurückziehen werde. Welti schrieb Escher, er könne diesen Eindruck aufgrund der Mitteilungen Hammers nicht nachvollziehen. Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 21. März 1870.

4In der Audienz vom 18. März erwähnte Bismarck gegenüber Hammer unter anderem die französische Abneigung gegen das Gotthardprojekt und dass Frankreich schwerlich bereit sei, eine Subvention für eine Bahnunternehmung zu bezahlen, von welcher es durch zwei Länder getrennt sei. Bundespräsident Jakob Dubs wandte sich an den Gesandten der Schweiz in Paris, Johann Konrad Kern, mit der Bitte, Erkundigungen in dieser Frage einzuziehen. Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 21. März 1870; Schreiben Jakob Dubs an Johann Konrad Kern, 22. März 1870, in: DDS II, S. 340–341.

5Die zweite badische Kammer beschloss am 15. März eine Gotthardsubvention von 3 Mio. Franken, obwohl bereits im November 1869 von der Schweiz und Preussen Schritte unternommen wurden, um eine einseitige Zusage eines deutschen Staates ohne vorherige Absprache unter den deutschen Staaten zu verhindern.Bismarck zeigte sich in der Audienz mit Hammer am 18. März über das einseitige Vorgehen Badens wenig erbaut.Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 1. November 1869; Emil Welti an Alfred Escher, 4. November 1869; Telegramm Emil Welti an Escher, 15. März 1870 (BAR J I.2); Emil Welti an Alfred Escher, 21. März 1870; Prot. BR, 16. März 1870; Die Verhandlungen der badischen Kammern, in: Aktenstücke Gotthardbahn, S. 48–50; NZZ, 17. März 1870, 31. März 1870; Emil Welti an Alfred Escher, 14. Januar 1870.

6 Rudolph von Delbrück (1817–1903), Staatsminister ohne Geschäftsbereich des Königreichs Preussen und Präsident des Bundeskanzleramts des Norddeutschen Bundes.

7In der Audienz Hammers mit Bismarck am 18. März äusserte dieser seinen Unmut darüber, dass sich Württemberg in der Angelegenheit der Gotthardsubvention beharrlich aller Einwirkung entziehe. Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 21. März 1870.

8 Karl von Spitzemberg (1826–1880), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister des Königreichs Württemberg in Berlin.

9 Giuseppe Gadda (1822–1901), Senator und Minister für öffentliche Arbeiten des Königreichs Italien.

10 Giovanni Lanza (1810–1882), Ministerpräsident und Innenminister des Königreichs Italien.