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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2404 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 127

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Dienstag, 22. Februar 1870

Schlagwörter: Bözbergbahnprojekt, Eisenbahnstrecken Konzessionen, Grosser Rat BE, Regierungsrat BE

Briefe

Hochgeehrter Herr

Ich habe Ihnen zunächst zu berichten, dass, wie ich gestern vernommen habe im Aargau sehr sonderbare Dinge vorgehen. Im Gebiete der Südbahn1 (nicht in Aarau) trage man sich mit dem Gedanken die neue Concession an die beiden Gesellschaften für den Bözberg nur unter der Bedingung zu ertheilen, dass auch die Südbahn gesichert sei. Ich habe sofort die eindringlichsten Vorstellungen dagegen erhoben und werde Ihnen über den| Erfolg Mittheilung machen.2

Das Verhalten Italiens und die Lauheit der dortigen Regierung ist allerdings Bedenken erregend und es kommt mir immer wieder von Neuem die Frage, ob es nicht angemessen wäre jemanden an Ort u Stelle zu haben, wenn es auch zu nichts weiterem wäre als über die Stimmung u Sachlage gehörig unterrichtet zu werden. Von Herrn Melegari3 ist gar nichts Positives u Neues zu erfahren; er hat immer die beste Hoffnung ohne sagen zu können worauf er sie gründe.4

Auch hier in Bern bereiten sich wieder| neue Schwierigkeiten. Jolissaint5 will an die Subvention die bestimmte Bedingung knüpfen, dass der Jurabahn der Anschluss an den badischen Bahnhof in Basel gesichert werde.6 Ich hatte desshalb mit ihm u Weber gestern eine lange Unterredung, deren Resultat das war, dass Jolissaint auf seiner Ansicht beharrte während Weber «die Sache noch weiter bedenken wollte». Morgen (Mittwoch) wird die Regierung das Decret an den Grossen Rath behandeln. Auch Herr Schenk gab sich alle Mühe diese sehr fatale Angelegenheit ins Reine zu bringen. Ich hoffe die Regierung werde unsern Wünschen u Vorstellungen nachgeben. 7 Die Conferenz mit den aarg. Bahnen soll| nächste Woche statt haben; der Tag ist noch nicht bestimmt.

Aus Berlin haben wir keine neueren Nachrichten; als bemerkenswerth lege ich die letzte Nummer der im Ministerium redigirten Correspondance de Berlin bei8, die einen Artikel über die Betheiligung der preussischen Bahnen enthält aus dem ich schliesse, dass die daherigen Verhandlungen keinen günstigen Fortgang nehmen.9 Es ist mehr als je nöthig, dass uns mit den Schwierigkeiten Muth u Eifer wachse.

Mit freundschaftlicher Hochschätzung

Ihr ergebenster

E Welti

Bern den 22. Febr. 1870.

Kommentareinträge

1Die von der Schweizerischen Nordostbahn und der Schweizerischen Centralbahn als Gemeinschaftsbahn erstellte und von der Schweizerischen Centralbahn betriebene aargauische Südbahn führte von Rupperswil über Wohlen, Muri und Rotkreuz nach Immensee, mit einer Zweigbahn nach Brugg. Die Schweizerische Nordostbahn und die Schweizerische Centralbahn übernahmen die Konzession im Februar 1872. Zwischen 1874 und 1882 wurden die verschiedenen Teilstrecken dieser Linie eröffnet. Vgl. Kessler, Nordostbahn, S. 43–48; Weissenbach, Eisenbahnwesen, S. 55.

2Noch am selben Tag schrieb Welti an Escher, er habe Nachricht von Aarau erhalten. Seine Befürchtungen hätten sich nicht realisiert, da an einer Konferenz der Südbahnkomitees, die am 19. Februar in Wohlen stattfand, die Angelegenheit der Bözbergbahn gar nicht erst besprochen wurde. Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 22. Februar 1870; NZZ, 22. Februar 1870, 25. Februar 1870.

3 Luigi Amedeo Melegari (1805–1881), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister des Königreichs Italien in Bern.

4Am selben Tag schrieb Welti an Escher von einer neuen Besprechung mit Melegari, wo dieser erneut erklärte, dass ihm nichts bekannt sei, was Anlass zu Befürchtungen geben könnte. Melegari hielt es aber auch für wünschenswert, dass die Gotthardbefürworter in Italien ebenso tätig wären wie die Vertreter des Splügens. Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 22. Februar 1870.

5 Pierre Jolissaint (1830–1896), Regierungsrat und Nationalrat (BE).

6Im Staatsvertrag von 1869 verpflichtete sich die Schweiz, durch einen Rheinübergang bei Basel eine Verbindung der Schweizerischen Centralbahn mit dem Bahnnetz des Grossherzogtums Baden herzustellen. Vgl. Staatsvertrag Gotthardbahn 1869, Art. 4.

7In dem vom Berner Regierungsrat dem Grossen Rat vorgelegten Antrag wurde darauf verzichtet, die Subvention mit den von Jolissaint gewünschten Bedingungen zu verbinden. Der Grosse Rat nahm diesen Antrag am 10. März unter Vorbehalt der Genehmigung durch eine Volksabstimmung an. Das Bernervolk bewilligte die Subvention von 1 Mio. Franken am 3. April 1870 mit klarem Mehr (rund 31 500 Ja gegen rund 10 500 Nein). Vgl. Prot. BR, 14. März 1870; Prot. BR, 20. April 1870; NZZ, 10. April 1870; Volmar, Alpenbahnpolitik, S. 132–140, 151–156; Emil Welti an Alfred Escher, 8. Januar [ 1870 ].

8Beilage nicht ermittelt.

9Die NZZ vom 23. Februar hingegen berichtete gestützt auf die «Kölner Zeitung», dass namhafte Privatbahnen nicht gewillt seien, gegen den Plan der Subventionsbeteiligung vorzugehen. Vgl. NZZ, 23. Februar 1870.