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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2395 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 124

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Mittwoch, 2. Februar 1870

Schlagwörter: Bözbergbahnprojekt, Gotthardbahnprojekt, Presse (allgemein), Schweizerische Centralbahn (SCB), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeehrter Herr

Ich schicke Ihnen in der Beilage1 die Nummer des Diritto welche das Circular2 des Bauministers3 an die Präfecten enthält. Ein Bericht den wir gestern von Herrn Pioda erhalten haben bezeichnet die Stimmung aller einzelnen Mitglieder des Ministeriums aufs Neue als sehr günstig.

Gestern Nachmittag hatte ich eine Besprechung mit Herrn Münch4 in Betreff der Subsidienfrage5. Derselbe erklärte mir dass namentlich Herr Stämpfli von einer Verpflichtung| abrathe. Es ist mir schliesslich dann gelungen Hern Münch eines bessern zu belehren. Er hat mich gebeten ihm meine Ansichten schriftlich mitzutheilen um dieselben in der Comitésitzung6 zu verwerthen. Bei der Unselbstständigkeit dieses Mannes ist nur zu befürchten, dass seine Sinnesänderung nicht lange andauere. Herr Suter7 mit dem ich auch sprach, ist stetsfort ganz gut disponirt.

Befremdend war es nur von Herrn Münch vernehmen zu müssen, es hätte sich Herr Köchli8 ihm gegenüber geäussert, das Bözberg Comité solle sich bei den finanziellen Verhandlungen nicht allzusehr beeilen, es | werde schliesslich die Centralbahn den Bözberg9 bauen. Ich setze voraus Herr Köchli habe diese Aeusserung gethan bevor er von den beiden Directionen ins Vertrauen gezogen wurde.

Herr Sulzer10 soll sich gestern hier ganz ungenirt dahin ausgesprochen haben, dass der Gotthard vom Canton Zürich nichts zu erwarten habe.11

Mit ausgezeichneter Hochschätzung

Ihr ergebenster

E Welti

Bern
2 Febr. 1870.

Kommentareinträge

1Beilage nicht ermittelt.

2In dem auf den 28. Januar datierten Rundschreiben an die Präfekten der am Gotthardprojekt beteiligten Städte und Provinzen forderte Giuseppe Gadda diese auf, «mit möglichster Beförderung an die Vertretungen der bei Erstellung der Gotthardbahn betheiligten Körperschaften zu gelangen, damit dieselben über die Summen beschließen, welche sie an die Italien zugetheilte Subsidienquote übernehmen zu wollen gedenken» . NZZ, 4. Februar 1870. Vgl. NZZ, 3. Februar 1870; Prot. BR, 9. Februar 1870; Robert Etzensberger an Alfred Escher, 18. Februar 1870.

3 Giuseppe Gadda (1822–1901), Senator und Minister für öffentliche Arbeiten des Königreichs Italien.

4 Arnold Münch (1825–1895), Nationalrat (AG), Präsident des Bözbergkomitees.

5Gemeint ist die Frage der Beteiligung der geplanten aargauischen Bahnen (Bözbergbahn und Aargauische Südbahn) an der Gotthardsubvention. Emil Welti an Alfred Escher, 14. Januar 1870 Alfred Escher an Emil Welti, 28. Januar 1870.

6Gemeint ist das Bözbergkomitee.

7 Peter Suter (1808–1884), Grossrat und Nationalrat (AG); Förderer der Aargauischen Südbahn und der Bözbergbahn.

8Vermutlich Alphons Koechlin-Geigy (1821–1893), Grossrat, Mitglied des Kleinen Rats und Ständerat (BS), Verwaltungsrat der Schweizerischen Centralbahn.

9Am 14. Februar 1870 übernahmen die Schweizerische Nordostbahn und die Schweizerische Centralbahn vom Bözbergkomitee die Bözbergkonzession und bildeten mit Vertrag vom 20. Mai 1870 eine selbständige, den gemeinschaftlichen Bau und Betrieb der Bözbergbahn bezweckende Gesellschaft. Die am 2. August 1875 eröffnete Bözbergbahn führte von Basel bzw. Pratteln via Rheinfelden durch den Bözberg nach Brugg und wurde von der Schweizerischen Nordostbahn betrieben. Vgl. NZZ, 17. Februar 1870; Geschäftsbericht NOB 1870, S. 5–6; Kessler, Nordostbahn, S. 42–43, 128–130; Weissenbach, Eisenbahnwesen, S. 51.

10Vermutlich Johann Jakob Sulzer.

11 Sulzer hatte sich bereits 1865 gegen die Beteiligung der Schweizerischen Nordostbahn am Gotthardprojekt ausgesprochen. Diese Abneigung gegen die Gotthardpläne trat auch 1870 zutage: Das im Laufe dieses Jahres aufgegriffene Eisenbahnprojekt der Stadt Winterthur (eine Linie WinterthurWaldshut), an dem Sulzer als Stadtpräsident massgebend beteiligt war, war als Teil einer Verbindung von Basel über Winterthur und Chur hin zu einer Ostalpenbahn gedacht. Vgl. Sträuli, Sulzer, S. 31–32; Johann Jakob Müller an Alfred Escher, 16. Oktober 1865.