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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2388 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 121

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Freitag, 14. Januar 1870

Schlagwörter: Bundesrat, Deutscher Bundesrat, Deutscher Reichstag, Diplomatische Aktivitäten, Gotthardbahnprojekt, Presse (allgemein), Regierungsrat BE, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeehrter Herr.

Von Herrn Hammer1 geht heute folgender Bericht2 an den Bundesrath ein:

«Gestern hatte ich andere Geschäfte betreffend eine Unterredung mit dem Präsidenten des Bundeskanzleramtes, Staatsminister Delbrück3 in Folge welcher wir auch auf die Gotthard-Frage zu sprechen kamen. Herr D. sagte: ‹Die Denkschrift des Bundeskanzleramtes ist dem preuss. Finanz und Handelsministerium zur Begutachtung zugewiesen worden.›| Der Finanzminister4 sei dem Project sehr gewogen. Zur Vorlage an den Bundesrath5 werde Herr Delbrück die Denkschrift noch zweckentsprechend umarbeiten. Im Schosse des Bundesrathes sei einiger doch überwindbarer Widerstand vorauszusehen. Eine förmliche Einladung an die Südstaaten sei noch nicht erlassen worden6, weil die Angelegenheit in Berlin selbst noch nicht die erforderliche Reife erlangt habe. Jedoch seien die norddeutschen Gesandten in Karlsruhe und Stuttgart über die Sache verständigt und in den bezüglichen Mittheilungen die voraussichtliche Einladung vorbehalten worden.| Herr Delbrück schloss seine Mittheilung mit den Worten: ‹die Sache wird gehen›. Was das voraussichtliche Schicksal des Antrages beim Reichstag betrifft, so höre ich von Mitgliedern verschiedener Fractionen übereinstimmend die Ansicht äussern, dass auf eine fast einmüthige Annahme des Antrages gerechnet werden dürfe.»

Soweit Herr Hammer. Von Herrn Pioda sind wir ohne Nachricht; derselbe ist nun aber förmlich aufgefordert worden uns solche zukommen zu lassen.

Von der Regierung von Bern ist ein Schreiben eingelangt mit dem Ansuchen sie möchte mit allen bei dem Gotthard interessirten| Cantonen u Gesellschaften zu der Conferenz vom 24. d. Mts. eingeladen werden um über die Beibringung der noch fehlenden Subsidien und die daherige Verpflichtungsform zu berathen. Im Context des Schreibens ist auch davon die Rede die im Jahr 1865 aufgestellte echelle für die Subsidien sei zu revidiren. Die Gotth.Commission7 hat nun beschlossen dem Bundesrath die Einberufung aller Betheiligten zu beantragen.8

Aargau hat seine Bereitwilligkeit erklärt mit uns über die eventuellen Subsidien der aarg. Concessionäre zu verhandeln.9 Vorher wollen wir (die Commission) noch| eine Besprechung mit den beiden Bahngesellschaften halten, wozu die Einladungen (auf Montag) bereits telegraphisch abgegangen sind.10

Montag kommt Herr von Röder aus Berlin zurück. Er hat mir bereits sagen lassen, dass Bismark11 sich ihm gegenüber durchaus günstig über die Gotthardfrage ausgesprochen habe. Momentan bin ich nur über Italien besorgt. Es wird Ihnen nicht entgangen sein dass verschiedene italien. Zeitungen behaupten Castagnola12 u Correnti13 stehen im Ministerium allein u der Brief des erstern habe bei den andern Ministern entschiedenen Widerspruch erfahren.14 In einer der letzten Nummern des| Diritto15 der bekanntlich sehr gut unterrichtet sein kann steht nun aber die Notiz: Possiamo confermare la smentita data dal corrispondente del Corriere Mercantile intorno alla notizia sparsa dalla Gazetta di Torino di dissenti sorti fra il ministro Castagnola e i suoi colleghi a motivo dell nota circolare promettente valida e pronta opera per l'impresa del Gottardo.

Ich schliesse meine Mittheilungen mit der Versicherung meiner Hochschätzung

Ihr ergebenster

E Welti

Bern
14. Jan. 1870.

Kommentareinträge

1 Bernhard Hammer (1822–1907), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister der Schweiz in Berlin.

2 Vgl. Prot. BR, 17. Januar 1870.

3 Rudolph von Delbrück (1817–1903), Staatsminister ohne Geschäftsbereich des Königreichs Preussen und Präsident des Bundeskanzleramts des Norddeutschen Bundes.

4 Otto von Camphausen (1812–1896), Finanzminister des Königreichs Preussen.

5Gemeint ist der Bundesrat des Norddeutschen Bundes.

6 Hammer war beauftragt worden, das Bundeskanzleramt zu ersuchen, eine Verständigung zwischen den deutschen Staaten über die jeweilige Beitragshöhe einzuleiten, bevor Baden oder Württemberg ohne vorherige Absprache eine Zusage machen würden. Welti setzte sich zudem beim Gesandten Württembergs in der Schweiz, Adolf von Ow-Wachendorf, dafür ein, dass ein solches Ansuchen auch von der Regierung Württembergs gestellt wurde. Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 1. November 1869; Emil Welti an Alfred Escher, 4. November 1869; NZZ, 5. Januar 1870; Emil Welti an Alfred Escher, 22. März 1870.

7Gemeint ist die Gotthardbahnkommission des Bundesrates.

8Welti berichtete Escher am 8. Januar über den Beschluss des Bundesrates zur Konferenzeinladung an bestimmte Kantone. Der Regierungsrat des Kantons Bern richtete am 11. Januar 1870 ein bezügliches Schreiben an den Bundesrat, in dem er vorschlug, die Einladung auf alle am Gotthardunternehmen beteiligten Kantone und Gesellschaften auszudehnen. Am 17. Januar 1870 erfolgte das Einladungsschreiben des Bundes an den Kanton Bern und zugleich auch noch an die Kantone Basel-Landschaft, Schaffhausen, Ob- und Nidwalden sowie Thurgau. Vgl. Prot. BR, 17. Januar 1870; Volmar, Alpenbahnpolitik, S. 128–131; Emil Welti an Alfred Escher, 8. Januar [ 1870 ].

9Im Kanton Aargau waren namentlich die aargauische Südbahn und die Bözberglinie in Planung, die darauf abzielten, einen wesentlichen Teil des Gotthardverkehrs von den Linien der Schweizerischen Nordostbahn und der Schweizerischen Centralbahn wegzulenken. Die Direktionen der Schweizerischen Nordostbahn und der Schweizerischen Centralbahn hatten sich an den Bundesrat gewandt und stellten sich auf den Standpunkt, dass man ihnen nicht zumuten könne, mit ihren Gotthardsubventionen in der Folge auch den Bau dieser aargauischen Linien zu ermöglichen, während diese vom Gotthardverkehr profitieren, aber nichts an die schweizerische Subvention beitragen wollten.Vgl.Schreiben Dir. NOB / Dir. SCB an BR, 10. Dezember 1869 (StAAG R04.B03c/0079); Prot. BR, 16. Februar 1870; Kessler, Nordostbahn, S. 41–48.

10Die Besprechung vom 17. Januar zwischen einer Delegation des Bundesrates, der Schweizerischen Nordostbahn und der Schweizerischen Centralbahn diente als Grundlage für Gespräche zwischen dem Bundesrat und den Konzessionären der geplanten aargauischen Bahnen am 25. Januar. Vgl. Schreiben Dir. NOB / Dir. SCB an Karl Schenk, 8. Februar 1870 (StAAG R04.B03c/0079); Prot. BR, 20. Januar 1870; Alfred Escher an Emil Welti, 28. Januar 1870.

11 Otto von Bismarck (1815–1898), Ministerpräsident und Aussenminister des Königreichs Preussen, Kanzler des Norddeutschen Bundes.

12 Stefano Castagnola (1825–1891), Minister für Landwirtschaft, Industrie und Handel des Königreichs Italien.

13 Cesare Correnti (1815–1888), Bildungsminister des Königreichs Italien.

14Gemeint ist wohl ein Brief Castagnolas an die Handelskammer von Genua, worin er deutlich für den Gotthard Stellung nahm. Vgl. NZZ, 10. Januar 1870, 13. Januar 1870.

15Zeitungsausgabe nicht ermittelt.