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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2386 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 120

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Sonntag, 9. Januar 1870

Schlagwörter: Bankinstitute, Deutscher Bundesrat, Deutscher Reichstag, Eisenbahnen Finanzierung, Gotthardbahnprojekt, Presse (allgemein), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeehrter Herr

Ich erhalte von Herrn Hammer1 so eben einen Brief worin er mir über Herrn von Sybel2 wörtlich folgendes schreibt:3

«S. gehört zu der sogenannten haute finance, ist bei den rheinischen Bahnen und Banken bedeutend interessirt u vertritt im Abgeordnetenhaus u Reichstag vornehmlich auch die Interessen der Geldmächte. Das schwächt seinen Einfluss in den parlamentarischen Verhandlungen, wo die massgebenden Partheien den Geldmännern u Geldmächten aus verschiedenen Gründen sehr feindselig gestimmt sind. S. gehört auch zu einer nicht sehr zahlreichen | Centrumsfraction u wurde wegen seinen Voten von nationalliberaler Seite auch schon lächerlich gemacht. Aus diesen Gründen und Anzeichen muss ich annehmen, dass sein parlamentarischer Einfluss ein sehr geringer ist.

Durch Interessen, Lebensstellung und Verschwägerung gehört S. zu den Freunden des gestürzten Finanzministers v.d. Heydt4, steht als solcher mit dem neuen Finanzminister Camphausen5 vielleicht, – mit Delbrück6 jedenfalls nicht auf ganz freundschaftlichem Fuss; bei letzterem dessen Einfluss der Sturz v.d. Heydts u die Ernennung Camphausens zum | guten Theil zuzuschreiben, hat S. gewiss nur wenig Influenz. S. selbst sagte mir er stehe zu Delbrück auf etwas kaltem Fusse.

S. hat auch die von Delbrück aufgestellte sogenannte conditio sine qua non der norddeutschen Subvention: die Mitbetheiligung der rheinischen Bahnen Delbrück gegenüber bekämpft u bei der Bahngesellschaft selbst wie ich glaube nicht befürwortet. Um mich kurz zu fassen sage ich: Ich halte den Einfluss S's im Reichstag u bei den massgebenden Regierungskreisen für gering, in den Kreisen der haute finance | für grösser.

Unter der Voraussetzung u für den Fall, dass der norddeutsche Bund die Subvention bewillige, wollen hiesige Banquiers z. B. Bleichröder7 sich für die Aufbringung des ganzen Actiencapitals interessiren u zu dem Ende Actien zweiten Ranges creiren, die mit den Staatssubventionen eventuell zum Zinsengenuss gelangen u dem Consortium der Banquiers im Betrag von ca 20 Millionen ohne zu leistende Zahlung, also liberirt zur Verfügung gestellt werden, als Entgelt für die Aufbringung des wirklichen einzahl| baren Actiencapitals.

General von Röders Anwesenheit hat die Gotthard-Angelegenheit hier in den sog. allerhöchsten Kreisen sehr zum haussiren gebracht. Bedeutsam wäre es, wenn Weishaupt als Specialdelegirter für Eisenbahnsachen durch königl. Verfügung zum Bundesrath beigezogen würde, was – sub sigillo8 – im Wurfe liegen soll.

Einen lähmenden Eindruck machen hier die ablehnenden, zurückhaltenden und kleinlichen Schlussnahmen der schweizerischen Cantonsbehörden.»

Soweit Herr Hammer; ich knüpfe an seine letzte Bemerkung gleich die | Notiz, dass ich nicht weiss, von wem der Schweizerbot-Artikel9 stammen mag in welchem die eventuelle Subventionspflicht der aarg. Bahnen bestritten wird. Ich glaube übrigens nicht, dass die Sache irgend welche Bedeutung hat.

Mit ausgezeichneter Hochschätzung

Ihr ergebenster

E Welti

Bern
9. Jan. 1870.

Kommentareinträge

1 Bernhard Hammer (1822–1907), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister der Schweiz in Berlin.

2 Alexander von Sybel (1823–1902), Mitglied des preussischen Abgeordnetenhauses und des Reichstags des Norddeutschen Bundes.

3Escher hatte Welti gebeten, bei Hammer ausführliche Informationen über die Stellung Sybels in Berlin einzuholen. Alfred Escher an Emil Welti, 4. Januar 1870.

4 August von der Heydt (1801–1874), ehemaliger Finanzminister (1862, 1866–1869) und Handelsminister (1848–1862) des Königreichs Preussen. – Von der Heydt hatte im Oktober 1869 um seine Entlassung ersucht, nachdem er mit seinem Budget für 1870 auf grosse Kritik im preussischen Landtag gestossen war. Vgl. ADB XII, S. 362–363.

5 Otto von Camphausen (1812–1896), Finanzminister des Königreichs Preussen.

6 Rudolph von Delbrück (1817–1903), Staatsminister ohne Geschäftsbereich des Königreichs Preussen und Präsident des Bundeskanzleramts des Norddeutschen Bundes.

7 Gerson von Bleichröder (1822–1893), Berliner Bankier, Leiter des Bankhauses S. Bleichröder.

8Sub sigillo (lat.): unter dem Siegel (der Verschwiegenheit).

9Zeitungsausgabe nicht ermittelt. – Eine kurze Bemerkung zum Artikel des «Schweizer Boten» steht in der NZZ vom 15. Januar 1870. Der «Schweizer Bote» sprach sich demnach deutlich ablehnend über die Forderung von der Schweizerischen Nordostbahn und der Schweizerischen Centralbahn aus, welche von der aargauischen Südbahn eine Beteiligung an der Subvention für den Gotthard verlangten. Vgl. NZZ, 15. Januar 1870.