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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2377 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 118

Alfred Escher an Emil Welti, Zürich, Dienstag, 4. Januar 1870

Schlagwörter: Bundesrat, Gotthardbahnprojekt, Italienisches Parlament, Staatsverträge, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Zürich 4 Januar 1870.

Hochgeachteter Herr!

Gestern Abend wollte ich noch die Ehre haben, zum zweiten Male bei Ihnen vorzusprechen, um Ihnen einige Mittheilungen zu machen, von welchen ich annahm, daß sie Interesse für Sie haben dürften. Da ich nicht das Vergnügen hatte, Sie anzutreffen, so gelange ich nun auf schriftlichem Wege an Sie.

Hr. Migy1 hat mir rund & unumwunden versprochen, daß er in der Regierung von Bern mit Entschiedenheit darauf hinwirken werde, daß der Canton nunmehr rückhaltlos & ohne hinsichtlich einer Subventionirung der Entlebucher Bahn2 durch den Canton Luzern eine Bedingung zu stellen | in die Linie der subventionirenden Cantone einrücke.3 Dabei ließ er einige Streiflichter fallen, welche die Begründetheit Ihres Mißtrauens gegen die Aufrichtigkeit der Handlungsweise gewisser Bern'scher Matadoren in der Alpenbahnfrage vollkommen zu bestätigen geeignet waren.

Hr. Melegari4 hat mir erklärt, daß er von dem neuen Ministerium keine veränderte Instruction mit Beziehung auf die Gotthardfrage erhalten habe, was durchaus hätte der Fall sein müssen, wenn dasselbe abweichende Ansichten von denjenigen des abgetretenen Ministeriums hinsichtlich dieser wichtigen Angelegenheit hätte.5 Hr. Melegari ist in Folge dessen in Betreff der Situation in Italien ganz beruhigt. Ich füge bei, daß nach einer Mittheilung6 des Hrn. Correnti7, die ich in Zürich vorfand, das | neue Ministerium den Vertrag zwischen der Schweiz & Italien in Sachen der Gotthardbahn dem Parlamente bei seinem Wiederzusammentritte im künftigen Februare zur Ratification vorzulegen gedenkt.

Aus der mit Hrn. Dubs gepflogenen Unterredung habe ich den Eindruck gewonnen, daß er zu einer energischen Förderung der Gotthardangelegenheit von Bundesraths wegen Hand zu bieten entschlossen ist.

Zu Hause habe ich einen sehr einläßlichen Brief8 v. Sybel's9 betr. die Bildung der Gesellschaft vorgefunden, dessen Inhalt einen durchaus günstigen Eindruck auf mich gemacht hat. Ich werde wohl bald Veranlassung nehmen müssen, über diese Seite der Gotthard frage mündlich oder schriftlich mit Ihnen zu verhandeln.

In Schaffhausen nimmt die Subventionsfra| ge eine schiefe Wendung. Dort wird die Subvention für die Gotthardbahn (von einer Viertelmillion!) an das Zustandekommen der Randenbahn 10 geknüpft.11 Die Furcht vor der Umgehung Schaffhausens durch die Wuttachthalbahn12 ist so groß, daß man die Vortheile darüber ganz vergißt, welche die Schweiz als selbstständiges Productionsland aus der directen Verbindung mit Italien ziehen wird.

Sie haben mir vor einiger Zeit versprochen, bestimmtere Äußerungen Hammer's13 hinsichtlich der Andeutungen zu veranlassen, die er über die Stellung v. Sybel's in Berlin gemacht hat. Darf ich Sie bitten, mir dieselben mittheilen zu wollen, sobald Sie sie erhalten haben werden. Sie sind mir bei der Phase, in welche die Frage der Bildung der Gesellschaft nunmehr getreten ist, doppelt wichtig.

In ausgezeichneter Hochachtung

Ihr ergebener

Dr A Escher

Kommentareinträge

1 Paul Migy (1814–1879), Regierungsrat und Nationalrat (BE), Bundesrichter.

2Die durch das Entlebuch führende Strecke LangnauLuzern würde die seit 1864 bestehende Linie BernLangnau zur Verbindung BernLuzern komplettieren und Bern einen günstigen Anschluss an die Gotthardbahn bringen. Diese Strecke wurde am 11. August 1875 durch die Bern-Luzern-Bahn eröffnet; den Betrieb führte die Chemins de fer du Jura bernois für welche nun die Bezeichnung Jura-Bern-Luzern-Bahn geläufig wurde. Nach der Liquidation der Bern-Luzern-Bahn ging die Strecke 1877 an den Kanton Bern über. Den Betrieb führten weiterhin die Chemins de fer du Jura bernois, die ab dem 1. Juli 1884 offiziell den Namen Jura-Bern-Luzern-Bahn führten.Vgl. Geiser, Bernische Eisenbahnpolitik, S. 39–41, 56–57. HBLS II, S. 184.

3Der Berner Regierungspräsident Johann Weber erklärte Welti, Bern könnte auch ohne Luzerner Verpflichtung eine Gotthardsubvention beschliessen, sah diese aber in diesem Fall bei der Volksabstimmung gefährdet.Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 4. Januar 1870; Emil Welti an Alfred Escher, 22. Februar 1870, Fussnote 7.

4 Luigi Amedeo Melegari (1805–1881), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister des Königreichs Italien in Bern.

5Zu den wichtigsten Anliegen des Mitte Dezember 1869 unter der Leitung von Giovanni Lanza (1810–1882) konstituierten Ministerkabinetts gehörte die Finanzfrage bzw. das Erwirken von Ersparnissen, womit eine Unterstützung der Gotthardsubvention fraglich schien. Immerhin waren aber in diesem Ministerium «warme Fürsprecher» der Gotthardbahn vertreten. NZZ, 30. Dezember 1869. Vgl. NZZ, 16. Dezember 1869, 17. Dezember 1869, 20. Dezember 1869.

6Dokument nicht ermittelt.

7 Cesare Correnti (1815–1888), Bildungsminister des Königreichs Italien.

8 Vgl. Alexander von Sybel an Alfred Escher, 1. Januar 1870.

9 Alexander von Sybel (1823–1902), Mitglied des preussischen Abgeordnetenhauses und des Reichstags des Norddeutschen Bundes.

10Die sogenannte Randenbahn DonaueschingenSchaffhausen über den Randen wurde von Schaffhausen als direkteste Verbindung von Baden und Württemberg durch den Kanton Schaffhausen nach Zürich angestrebt. Sie wurde wegen der badischen Ablehnung nie gebaut. Vgl. NZZ, 1. Januar 1870; Bernhardt, Randenbahn, S. 3–13; Kuntzemüller, Badische Eisenbahnen, S. 91.

11Aus Sicht des Schaffhauser Regierungsrates könnten nur im Fall des Baus der Randenbahn «die Interessen des Kantons Schaffhausen beim Gotthard-Unternehmen gehörig gewahrt werden, und nur für diesen Fall könnte sich auch eine Subvention des Gotthard-Unternehmens von Seite des Kantons Schaffhausen rechtfertigen» . NZZ, 8. Januar 1870. Vgl. NZZ, 6. Januar 1870, 9. Januar 1870, 18. Januar 1870.

12Die erste Teilstrecke der ursprünglich als Transitlinie von Waldshut bis Donaueschingen konzipierten Wutachtalbahn wurde 1875/76 eröffnet. Bei Oberlauchringen von der Hochrheinstrecke abzweigend, führte sie durchs Wutachtal über Stühlingen nach Weizen. Als strategische Umgehungsbahn wurde diese Linie 1890 bis Immendingen verlängert. Vgl. Kuntzemüller, Badische Eisenbahnen, S. 38, 95–97, 112–114.

13 Bernhard Hammer (1822–1907), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister der Schweiz in Berlin.