Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2363 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 115

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Donnerstag, 9. September 1869

Schlagwörter: Alpenbahn (allgemein), Bundesrat, Gotthardbahnkonferenzen, Gotthardbahnprojekt, Lagebeurteilungen (diverse), Presse (allgemein)

Briefe

Hochgeehrter Herr

Der Bundesrath hat schon gestern die Abordnung für die Conferenz1 bestellt und neben Herrn Schenk u mir auch Herrn Dubs ernannt.2 Mit letzterem habe ich vorher gesprochen und ihn «ganz bereit gefunden die Sache nach Kräften zu fördern». Er war auch mit der Art des Vorgehens wie wir es besprochen hatten vollständig einverstanden. Die Instructionen welche sich vorerst nur auf die technische Seite beziehen werden am nächsten Freitag behandelt.3

Das Verhältniss gegenüber der Gotthardvereinigung würde ganz nach unserer Abrede4 geordnet und es geht das daherige | Schreiben5 schon heute ab.

Mit Jacini6 habe ich mich gestern Abend sehr einlässlich unterhalten. Er sagt mir Italien im ganzen u grossen sei in der Wahl des Alpenpasses ziemlich indifferent. In Oberitalien sei nur Genua entschieden für den Gotthard. In Venedig u Mailand habe heute der Splügen die Oberhand. Man habe von unserer Seite es unterlassen Mailand zu bearbeiten. Herr Feer-Herzog sei von ihm darauf aufmerksam gemacht worden, dass Mailand vor allem aus und vor Genua in unser Interesse gezogen werden sollte; er bedaure sehr dass es trotzdem | nicht geschehen sei. Jetzt mache sich alles viel schwerer; gleichwol dürfe man nicht anstehen alle Mittel der Überredung, der Presse und amtlicher Schritte in Anwendung zu bringen. Ich bemerkte ihm dass Herr Kohler zur Zeit sich in Mailand befinde u versprach im Weitern Sie zu ersuchen, dass nichts versäumt werde.7 Aus Venedig erhielt ich gestern eine Depesche unseres Consuls8 welche meldet: der dortige Provincialrath habe beschlossen bei dem Bauministerium dahin zu wirken dass die Alpenbahnfrage nunmehr auch mit Rücksicht auf Venedig studirt | das in der letzten Untersuchung noch ausser Betracht geblieben sei9 u ferner das Ministerium des Aeussern anzugehen, dass bei den Conferenzen in Bern nichts präjudicirt werde. Die übrigen Provincialräthe sollen ersucht werden ähnliche Beschlüsse zu fassen.

Sie sehen dass der Kampf auf der ganzen Linie beginnt; ich hielte es für dringend nöthig dass jemand nach Florenz geschickt würde um namentlich bei dem Ministerium allfälligen Störungen entgegen zu wirken.

Jacini fürchtet für das endliche Resultat nichts, insofern man unserseits allem aufbiete.

Mit vollkommener Hochachtung

Ihr ergbnster

E Welti

Bern 9. Sept. 1869.

Kommentareinträge

1Gemeint ist die internationale Gotthardkonferenz von 15. September bis 13. Oktober 1869 in Bern. Die Gotthardvereinigung, Absatz 25.

2 Vgl. Prot. BR, 8. September 1869.

3Der Bundesrat genehmigte den Instruktionsentwurf am 13. September. Die schweizerische Delegation hatte «als oberste Richtschnur für die Verhandlungen im Auge zu behalten, daß die politische Stellung der Schweiz, ihre Unabhängigkeit und Neutralität absolut intakt bleiben soll» . «Die Uebernahme einer selbständigen Subvention von Seiten des Bundes» sollte abgelehnt werden. Prot. BR, 13. September 1869.

4Welti bezieht sich vermutlich auf die am 6. September 1869 angekündigte mündliche Besprechung. Emil Welti an Alfred Escher, 6. September 1869.

5Der Ausschuss der Gotthardvereinigung behandelte das vom 8. September datierte Schreiben des Bundesrates am 12. September. Vgl. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 12. September 1869.

6 Stefano Jacini (1826–1891), ehemaliger Minister für öffentliche Arbeiten des Königreichs Italien.

7Am selben Tag, dem 9. September, schreibt Escher an Feer-Herzog, dass er «schon lange das [...] instinctive Gefühl hatte, daß wir in Mailand untergraben werden» . Am 12. September beschloss der Ausschuss der Gotthardvereinigung, «in nächster Zeit eine Abordnung nach Mailand zu senden, um dort die Interessen der Gotthard-Vereinigung in dem gegenwärtigen entscheidenden Augenblicke bestthunlich zu wahren» .Alfred Escher an Carl Feer-Herzog, 9. September 1869; Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 12. September 1869.

8 Victor Cérésole (1831–1892), Konsul der Schweiz in Venedig.

9Da das Veneto erst im Oktober 1866 als Folge des Deutsch-Österreichischen Krieges ins Königreich Italien aufgenommen wurde, hatte es bei der Untersuchung der von Jacini geleiteten Kommission der Jahre 1865/66 keinen Einfluss. Auch die Handelskammer von Bergamo wandte sich mit diesem Anliegen an die italienische Regierung. Vgl. NZZ, 8. September 1869; Die Gotthardvereinigung, Absatz 9 Die Gotthardvereinigung, Absatz 13.