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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2358 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 112

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Samstag, 28. August 1869

Schlagwörter: Gotthardbahnprojekt, Grosser Rat BE, Regierungsrat BE

Briefe

Hochgeehrter Herr

Ich freue mich des offenbar sehr günstigen Erfolges den die Bleuler'sche1 Interpellation2 gehabt hat u melde Ihnen dass nächste Woche Herr König3 im Berner Grossen Rath einen Antrag stellen wird dahin gehend: es soll der Regrath berichten in welchem Stadium sich die Gotthardfrage befinde und welche Stellung er derselben gegenüber einzunehmen gedenke.4 Herr König glaubt durch diese inoffensive | Form eine Mehrheit gewinnen zu können u meint es werde der Beschluss die Regierung wieder zum Handeln anregen, das unter Umständen nur in dem Beitritt zur Gotthardvereinigung bestehen könne. Die Mitglieder der hiesigen Regierung betrachten den Zürcher-Vorgang als eine Niederlage des dortigen Regiments.

Von Berlin noch gar nichts; ich halte diese Zögerung für ein gutes Zeichen; man scheint die Sache doch neu prüfen zu wollen. Herr Melegari5 erzählte mir gestern Delbrück6 | habe am 17. d. Mts. dem italienischen Gesandten7 mitgetheilt die Antwort an die Schweiz sei abgegangen; er wunderte sich sehr dass noch nichts angekommen sei; ich wollte, so leid es mir that, doch unser Stillschweigen nicht brechen, weil Hrr Röder besonders darauf hielt, dass die ital. Gesandtschaft von dem ominösen Actenstück nichts erfahre.

Selbstverständlich theile ich Ihnen alle Nachrichten schleunigst mit.

Mit wahrer Hochschätzung

Ihr ganz ergbnster

E Welti

Bern 28. Aug. 1869.

Kommentareinträge

1 Salomon Bleuler-Hausheer (1829–1886), Kantonsrat (ZH).

2 Bleuler reichte im zürcherischen Kantonsrat eine Interpellation ein, mit welcher er Aufschlüsse erbat über Motive und Tragweite des Regierungsratsbeschlusses, nicht an der Sitzung der ständigen Kommission der Gotthardvereinigung vom 11. August teilzunehmen. Diese Interpellation führte am 26. August im Kantonsrat zu einer Debatte über die Alpenbahnfrage. Vgl. NZZ, 27. August 1869, 31. August 1869; Alfred Escher an Emil Welti, 9. August 1869.

3 Karl Gustav König (1828–1892), Grossrat (BE).

4 Königs Anzug gelangte in der Grossratssitzung vom2. September zur Behandlung. Die Regierungsvertreter betonten den Wunsch Berns, dass das Zentralalpenpassprojekt ausgeführt würde, wollten vor der internationalen Konferenz aber keine Auskunft über das weitere Vorgehen der Regierung erteilen. Vgl. Intelligenzblatt für die Stadt Bern, 1. September 1869, 3. September 1869, 4. September 1869, 5. September 1869; NZZ, 9. September 1869; Volmar, Alpenbahnpolitik, S. 121–124.

5 Luigi Amedeo Melegari (1805–1881), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister des Königreichs Italien in Bern.

6 Rudolph von Delbrück (1817–1903), Staatsminister ohne Geschäftsbereich des Königreichs Preussen und Präsident des Bundeskanzleramts des Norddeutschen Bundes.

7 Edoardo de Launay (1820–1892), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister des Königreichs Italien in Berlin.