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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2350 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 109

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Sonntag, 8. August 1869

Schlagwörter: Gotthardbahnkonferenzen, Gotthardbahnprojekt, Regierungsrat BE, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeehrter Herr

Ich hatte gestern eine lange Besprechung mit Herrn Weber, wesentlich folgenden Inhaltes:

Bei der absoluten Nothwendigkeit die Gotthard frage im Innern zum Abschluss zu bringen müsse sich der Canton Bern endlich zu einer bestimmten Politik entscheiden. Nachdem sein Antrag auf Staatsbau keinen Anklang gefunden habe1, sei nun der von der Regierung selbst vorausgesehene Fall eingetreten einen «andern Standpunct» einzunehmen. In der Einladung zur Gotthardvereinigung2 liege ein willkommener Anlass dieses zu thun. Wenn auch Bern eine Subvention nicht beschlossen habe, so müsse es ihm gleichwol daran gelegen sein in die Vereinigung wieder einzutreten3 um dort die Bedingungen und Modalitäten mit be| rathen zu helfen unter denen es sich betheiligen wolle; zumal seine Theilnahme an den Berathungen geradezu gewünscht werde. Das Ausbleiben Berns am nächsten Mittwoch mache es auch unmöglich bei den Wahlen in den engern Ausschuss mit der wünschbaren Freiheit sich zu bewegen u was noch schlimmer sei, ein nochmaliger Abschlag würde von der öffentlichen Meinung zum Mindesten als eine feindliche Neutralität ausgelegt werden.

Leider kamen meine eindringlichen Vorstellungen zu spät; der Regierungsrath hatte schon Vormittags beschlossen die Einladung nicht anzunehmen weil 1) es «unschicklich» scheine wegen der Ergänzung des Ausschusses an den Verhandlungen Theil zu nehmen u 2) weil es «demüthigend» wäre an Verhandlungen über die Subventionen anderer Cantone sich zu be| theiligen. Ich fragte hierauf Herrn Weber: «Welches denn die Bedingungen seien unter denen Bern bereit sei sich bei dem Gotthardunternehmen wieder activ zu betheiligen». Antwort: «darüber habe ich selbst noch keine klare Vorstellung». Das scheint mir auch die volle Wahrheit zu sein; man ist nur zu oft geneigt jemandem plausible Motive und Ideen zu unterschieben, wo in Wirklichkeit weder Plan noch Gedanke sich findet. Schliesslich erfuhr ich noch dass Herr Weber in Luzern4 den Berner Herrn Weber angefragt habe ob die Bern. Regierung geneigt wäre einer Einladung zu einer Cantonal Conferenz auf nächsten Dienstag Folge zu geben. Hierüber ist noch nichts entschieden; es soll am Montag geschehen. Ich machte Herrn Weber darauf aufmerksam, dass diese Einladung wohl nur auf den Fall berechnet sei dass Bern sich auch an der Gotth.Conferenz behteiligen | werde. Morgen schreibe ich Ihnen was beschlossen wurde;5 vielleicht kommt der Regrath wieder auf seinen Beschluss zurück.

In Aarau ist alles in Ordnung;6 Herrn Vigier7 habe ich gestern telegraphirt; bin aber noch ohne Antwort.8

Mit Hochschätzung

Ihr ganz ergbster

E Welti

Bern
8. Aug 1869.

Kommentareinträge

1Die Orientierung über die Noten Italiens, des Norddeutschen Bundes und Badens durch den Bundesrat beantwortete der Kanton Bern mit Schreiben vom 15. April 1869. Zentrale Forderung der Berner Regierung war die Übernahme der Leitung und Ausführung des Unternehmens durch den Bund. Diese Position wurde jedoch von keinem anderen Kanton mitgetragen. Vgl. Botschaft BR Konzessionen 1869, S. 585–586, 589; Volmar, Alpenbahnpolitik, S. 114–120; Emil Welti an Alfred Escher, 14. April 1869; Die Gotthardvereinigung, Die internationale Gotthardkonferenz von 1869.

2Am 11. August 1869 fand eine Sitzung der ständigen Kommission der Gotthardvereinigung statt, die zur Besprechung der drei Beteiligungsvorschläge von der Schweizerischen Nordostbahn und der Schweizerischen Centralbahn einberufen worden war. Zugleich sollte auch der engere Ausschuss der Gotthardvereinigung durch Neuwahl zweier Mitglieder ergänzt werden. Bern blieb dieser Sitzung fern. Vgl. Prot. ständige Kommission Gotthardvereinigung, 11. August 1869 (S. 1, 4–10); Alfred Escher an Emil Welti, 30. Mai 1869; Alfred Escher an Johann Jakob Stehlin, 3. August 1869.

3Der Kanton Bern war nicht offiziell aus der Gotthardvereinigung ausgetreten, hatte aber 1866, als Jakob Stämpfli aus dem engeren Ausschuss austrat, keinen neuen Vertreter für dieses Gremium ernannt. Im April und August 1869 weigerte sich die Berner Regierung zudem, an den Sitzungen der ständigen Kommission der Gotthardvereinigung teilzunehmen, und erklärte sich lediglich zur Teilnahme an Konferenzen bereit, zu welchen die Regierungen sämtlicher Kantone eingeladen würden. Vgl. Prot. ständige Kommission Gotthardvereinigung, 22. April 1869, 11. August 1869 (S. 2); Volmar, Alpenbahnpolitik, S. 120–121; Die Gotthardvereinigung, Absatz 11.

4 Jost Weber (1823–1889), Schultheiss und Ständerat (LU), Bundesrichter.

5Brief nicht ermittelt.

6Diese Äusserung steht wohl in Zusammenhang mit der vom Kanton Aargau initiierten Konferenz einzelner Kantone vom 1. Juni 1869. Alfred Escher an Emil Welti, 30. Mai 1869; Emil Welti an Alfred Escher, 7. Juni 1869.

7 Josef Wilhelm Vigier (1823–1886), Landammann und Ständerat (SO), Bundesrichter, Ersatzmann des engeren Ausschusses der Gotthardvereinigung, Verwaltungsratspräsident der Solothurner Bank.

8In seinem zweiten Brief vom 8. August wiederholt Weber, dass er noch keine Antwort erhalten habe, und schliesst daraus, dass Vigier anscheinend noch nicht in Solothurn sei. Er will aber dort hinreisen, sobald Vigier angekommen ist. Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 8. August 1869. – Escher nannte Vigiers Verhalten hinsichtlich der Beteiligungsvorschläge von Schweizerischer Nordostbahn und Schweizerischer Centralbahn einen «wahren Scandal» . Alfred Escher an Johann Jakob Stehlin, 3. August 1869.

Kontexte