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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2337 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 105

Alfred Escher an Emil Welti, Zürich, Sonntag, 30. Mai 1869

Schlagwörter: Eisenbahnstrecken Konzessionen, Gotthardbahnprojekt, Regierungsrat AG, Regierungsrat LU, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Zürich 30. Mai 1869.

Hochgeachteter Herr Bundespräsident!

Ich beeile mich, Ihnen folgende Mittheilung zu machen: Hr. RR. Künzli1 hat, «in Folge einer im Schooße des Aargauischen Regierungsrathes Statt gehabten Berathung» den Hrn. Jost Weber2, «Schultheiß des Cantons Luzern», auf künftigen Dienstag (1. Juni) zu einer Versammlung nach Olten zur Besprechung der Gotthardbahnfrage eingeladen3 & ihm dabei bemerkt, daß eine gleiche Einladung auch an Magistraten in Bern ( Weber ), Solothurn, Basellandschaft, Zürich ( Scherer4 ), Schaffhausen & Thurgau gerichtet worden sei. Baselstadt, Uri & Schwyz, obgleich sie erhebliche Subventionen beschlossen haben5, blieben | uneingeladen. Wohin ein derartiges Gebahren führen muß, liegt auf flacher Hand! Weber hat der Regierung von Luzern von der Einladung, die an ihn als Schultheiß gerichtet wurde, Mittheilung gemacht. Der Schritt Künzli habe in dieser Behörde eine eigentliche Entrüstung hervorgerufen. Wapf habe den Antrag gestellt, die Erwartung gegen Weber auszusprechen, daß er der Einladung keine Folge gebe. Was Weber thun wird, steht dahin. Ich habe Director Widmer ersucht, Anderwert von der Theilnahme abzumahnen. Was wird Vigier6 thun, der ja Mitglied des Gotthardausschusses ist &, wenn er es für nöthig erachtet, jeden Augenblick Schritte thun kann, um die Einberufung der großen ständigen Commission zu veranlassen? Und Baselland & Thurgau, welche | nicht einen Rappen Subvention geben! Wahrscheinlich ist die Mittheilung, welche Sie mir letzten Mitwoch von einem bevorstehenden Conventikel in Olten gemacht haben, auf diesen Sonderbund zu beziehen. Vielleicht haben Sie bereits Schritte gegen dieses tolle Gebahren gethan oder gedenken doch noch solche vorzunehmen?

Ich lege diesen Zeilen die neuste Correspondenz zwischen Hrn. Feer-Herzog & mir (act. 180 bis 185) bei.7 Die Einsicht derselben wird am besten zu Ihrer Orientirung über die Kundgebungen von Genua8 beitragen, welche jetzt die Runde durch die Schweizerische Presse machen. Ich bedaure, daß sich Hr. Feer-Herzog in dem procès-verbal (180. a) so tief in die Subventionsfrage eingelassen hat, die eigentlich anderswo & zwischen andern Personen zu erörtern wäre! Darf | ich Sie bitten, mir diese Acten mit möglichster Beförderung zurückzusenden.

Ich schließe auch die Tessinerconzession sammt dem Berichte der Großrathscommission diesem Schreiben bei.9 Sie werden bemerkt haben, in welch' elegische Stimmung der freie Rhätier um der Stellung willen gerathen ist, die wir im Tessin in Folge der Auswirkung der Conzession gewonnen haben.10

Um allen den Verdrehungen, denen das Verhältniß der Bahngesellschaften zu der Gotthardvereinigung gegenwärtig ausgesetzt ist, zu begegnen, habe ich ein Schreiben der beiden Bahnen an den Gotthardausschuß abgefaßt, das demnächst veröffentlicht werden wird & zur Berichtigung der Begriffe wenigstens derer, die nicht ganz verrannt sind, beitragen sollte.11

In ausgezeichneter Hochachtung

Ihr ergebener

Dr A Escher

Kommentareinträge

1 Arnold Künzli (1832–1908), Regierungsrat (AG).

2 Jost Weber (1823–1889), Schultheiss und Ständerat (LU), Bundesrichter.

3 Vgl. NZZ, 1. Juni 1869.

4 Johann Jakob Scherer (1825–1878), Regierungsratspräsident (ZH).

51865 hatte die Gotthardvereinigung einen Beteiligungsplan aufgestellt, zu welchem verschiedene ihrer Mitglieder Subventionen zusicherten, darunter auch die Kantone Basel-Stadt (1,2 Mio. Franken), Uri (1 Mio. Franken) und Schwyz (1 Mio. Franken). Vgl. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 8. November 1869; Die Gotthardvereinigung, Absatz 7.

6 Josef Wilhelm Vigier (1823–1886), Landammann und Ständerat (SO), Bundesrichter, Ersatzmann des engeren Ausschusses der Gotthardvereinigung, Verwaltungsratspräsident der Solothurner Bank.

7 Vgl.Procès Verbal von Unterhandlungen Carl Feer-Herzogs in Genua, 22. Mai 1869 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_005 ); Correspondance Italienne, 20. Mai 1869 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_005 ); Telegramm Carl Feer-Herzog an Escher, 26. Mai 1869 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_005); Telegramm Escher an Carl Feer-Herzog, 27. Mai 1869 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_005); Telegramm Carl Feer-Herzog an Escher, 28. Mai 1869 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_005); Carl Feer-Herzog an Alfred Escher, 26. Mai 1869; Carl Feer-Herzog an Alfred Escher, 27. Mai 1869.

8Ausgehend von italienischen Blättern, erschienen in der Schweizer Presse Informationen über Verhandlungen zwischen Delegierten der Gotthardvereinigung und dem Genueser Gotthardkomitee, in denen konkrete Aussagen über bestimmte technische und finanzielle Fragen getroffen worden sein sollten. Vgl. NZZ, 30. Mai 1869.

9Beilagen nicht überliefert. – Am 15. Mai 1869 erlangte der Ausschuss der Gotthardvereinigung durch Beschluss des Grossen Rates des Kantons Tessin die Konzession für den Bau und Betrieb einer Eisenbahn von Biasca bis an die Grenze zum Kanton Uri und von Lugano bis Bellinzona. Vgl. Konzession an das Gotthardkomite, des Vorrechtes für den Bau einer Eisenbahn von Biasca bis an die Grenze Tessins gegen Uri, und von Lugano bis Bellinzona (vom 15. Mai 1869), in: BBl 1870 I, S. 109–118; Processi verbali del Gran Consiglio, 14. Mai 1869 (S. 349–352); Alfred Escher an Emil Welti, 10. Mai 1869.

10Der «Freie Rhätier» stellte fest, dass die Ostschweiz nun den Kanton Tessin und somit das Lukmanierprojekt aufgeben müsse. Splügen, Septimer oder eventuell Albula stünden als neue Wege vor ihnen. Zwar werde es schwer sein, «die neue Straße anzubauen, zweifelhaft der Erfolg» , doch «rufen wir frisch und unverzagt neuerdings und werden es fort und fort rufen: Nit luk lan!!» . Der freie Rhätier, 30. Mai 1869. Vgl. Der freie Rhätier, 29. Mai 1869.

11Das im Finanzplan vom März 1869 vorgesehene veränderte Beteiligungsmodell von der schweizerischen Nordostbahn und der Schweizerischen Centralbahn stiess auf Kritik, welcher die beiden Bahngesellschaften durch das hier erwähnte, auf den 24. Mai datierte Schreiben antworteten. Vgl. Schreiben Dir. NOB / Dir. SCB an Ausschuss Gotthardvereinigung, 24. Mai 1869 (StAAG R04.B03c/0079); Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 28. Mai 1869; NZZ, 2. Juni 1869; Die Gotthardvereinigung, Absatz 43.