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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2336 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 104 | Jung, Aufbruch, S. 406–407 (auszugsweise)

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Montag, 24. Mai 1869

Schlagwörter: Alpenbahn (allgemein), Diplomatische Aktivitäten, Eisenbahngesetze, Eisenbahnstrecken Konzessionen, Gotthardbahnprojekt, Italienisches Parlament, Polemiken und Anwürfe (Escher), Staatsverträge

Briefe

Hochgeehrter Herr

Ich muss morgen einer Besprechung über den Entwurf einer neuen Militärorganisation beiwohnen und bin dadurch leider genöthigt worden Ihnen die heutige Depesche1 zu schicken; ich stelle Ihnen nun ganz frei einen andern Tag zu bestimmen da ich die ganze Woche disponibel bin.

Am letzten Samstag war ich bei Herrn Melegari2 umüber die Interpellation Bonfadini3 Aufschluss zu erhalten; ich erklärte ihm dass dieser Zwischenfall einen sehr übeln Eindruck dauernd hervorbringen müsste, wenn der von der «Italie» gebrachte Wortlaut der Antwort von Menabrea4 sich bestätigen sollte.5 Herr Melegari telegraphirte sofort nach Florenz und | theilte meine Bemerkung mit. Heute Vormittag brachte er mir nun die offizielle Fassung der Antwort, welche zwar mit den bisherigen Erklärungen Italiens nicht im Widerspruch steht aber nichts desto weniger ungut wirken wird. Ich lege Ihnen das Blatt6 bei mit der Bitte es mir gelegentlich wieder zurückzuschicken. Gleichzeitig las mir Herr Melegari die telegraph. Antwort von Menabrea vor, welche sagt: « Der in der Note7 von Melegari gebrauchte Ausdruck dass der Gotthard allein möglich sei hat die Interpellation veranlasst; ich wollte darüber keine unnütze und vielleicht sogar schädliche Discussion hervorrufen lassen und habe desshalb so geantwortet wie es geschehen ist; | meine Erklärung ändert an der Sachlage gar nichts u wollte nichts ändern; die bereits erzielten Erfolge sind dadurch nicht beeinträchtigt.» Diese Antwort welche Herr Melegari mir ganz confidentiell mittheilte und von der er mir eine Abschrift nicht lassen wollte mag für das italien. Parlament ganz gut gewesen sein; uns gegenüber ist sie ein Fehler den nur eine rasche Antwort auf unsere Conferenzeinladung8 wieder gut machen kann. Herr Melegari dem ich diese Bemerkung nicht vorenthielt schien auch damit einverstanden u ist persönlich etwas missstimmt. Er ermächtigte mich (zu öffentlichem Gebrauche) die Erklärung abzugeben: die italienische Gesandtschaft habe mit Befremden ge| sehen dass man aus der Antwort von Menabrea auf eine Aenderung der Entschlüsse der italien. Regierung in Bezug auf die Alpenbahnfrage habe schliessen wollen; es sei dieses durchaus nicht richtig sondern es liege in den an die Regierungen von NDeutschland, Baden und der Schweiz abgegebenen Erklärungen als der unveränderte Ausdruck der Anschauung des Ministeriums .9 Ich mache Ihnen hievon einlässlichere Mittheilung für den Fall als Sie gesonnen sein sollten in der Presse davon Gebrauch machen zu lassen.

Die von Ihnen heute mir eingeschickten Entwürfe und Programme verdanke ich höflichst. Die Skizze eines Staatsvertrages werde ich genau studiren u Ihnen dann meine Bemerkungen darüber zustellen.10 | Was das Verhältniss des Bundes zu der Unternehmung anbelangt, so thut es mir leid nach wiederholter Prüfung nicht im Stande zu sein mit Ihnen übereinzustimmen. Wenn irgend ein Gebiet des öffentlichen Lebens seiner Natur nach grössere Competenzen der Bundesbehörden wünschenswerth und nothwendig macht so sind es die Eisenbahnen.11 Diese Nothwendigkeit liegt ganz abgesehen von der Alpeneisenbahn vor; diese kann dieselbe nur in ein helleres Licht setzen und es ist ganz begreiflich wenn angesichts der materiellen Aenderung welche diese Bahn in den schweizerischen Eisenbahnverkehr bringen wird auch eine neue rechtliche Stellung des Bundes sich zur Geltung zu bringen sucht. Die künftige Concessonirung der Bahnen durch den Bund betrachte ich als das Mittel um dem eidg. Behörden die Stellung zu wahren die ihnen gebührt und um auf der andern Seite eine Politik zu bekämpfen der man ich bin dessen überzeugt durch den Status | quo Vorschub leistet.12 Ich habe die Sache nach allen Seiten erwogen und bin nicht im Stande einzusehen wie bei einer solchen Massregel den bestehenden u künftigen Bahnen Eintrag geschehen sollte. Es wird auch kein neues Princip damit eingeführt, denn das Recht welches dem Bund künftig allgemein zukommen soll steht ihm unter gewissen Bedingungen heute schon zu ( Zwangsconcession ). Überdiess lässt sich auch eine, wenn auch nicht entscheidende, Mitwirkung der Cantone bei den Concessionen denken u organisiren welche ihre specifischen Interessen (Stationen etc.) sicher stellt. An der Möglichkeit eine solche Aenderung des Gesetzes durchzuführen zweifle ich ebenfalls nicht, insofern nämlich nicht aus dem Gotthard | lager selbst dagegen Opposition gemacht wird. Ich gestehe Ihnen offen dass ich es geradezu mit meiner Pflicht unvereinbar hielte mich in der vorliegenden Frage lediglich und ausschliesslich nur auf den Boden des bestehenden Gesetzes zu stellen, und ich verhehle auch gar nicht dass Sie mir gerade das rechte Vorbild dafür sind wie jeder an seinem Platze seine Pflicht thun soll. Dabei muss ich freilich jede Solidarität mit den ungeschickten und theilweise persönlich verletzenden Manifestationen ablehnen, welche in jüngster Zeit theils in Behörden u theils in öffentlichen Blättern gemacht worden sind und ich habe mich auch direct gegen dieselben ausgesprochen und davon abgemahnt.

Ich gewärtige nun Ihre weitere An| zeige, wann wir uns treffen werden und will alles Weitere bis dorthin versparen.

Mit wahrer Hochachtung

Ihr ergebenster

E Welti

Bern 24. Mai 1869.

Kommentareinträge

1 «Bin morgen verhindert, mache Ihnen brieflich einen andern Vorschlag.» Telegramm Emil Welti an Escher, 24. Mai 1869 (BAR J I.2). – Escher wünschte im Auftrag des Ausschusses der Gotthardvereinigung mit Welti betreffend eine Anfrage des Bundesrates an den Ausschuss über die schweizerischen Subventionen Rücksprache zu nehmen.Vgl. Alfred Escher an Emil Welti, 23. Mai 1869; Emil Welti an Alfred Escher, 19. Mai 1869.

2 Luigi Amedeo Melegari (1805–1881), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister des Königreichs Italien in Bern.

3 Romualdo Bonfadini (1831–1899), Mitglied der italienischen Abgeordnetenkammer.

4 Luigi Federico Menabrea (1809–1896), Senator, Ministerpräsident und Aussenminister des Königreichs Italien.

5 Vgl. NZZ, 15. Mai 1869, 21. Mai 1869.

6Beilage nicht ermittelt.

7Gemeint ist die Note Italiens an den Bundesrat vom 31. März 1869. Die italienische Regierung schlug darin dem Bund die «Annahme der Gotthardlinie» vor. Die Unterstützung einer andern Linie schien ihr unmöglich; vielmehr sicherte sie ihre Unterstützung bereits, vorbehalten die Genehmigung durch das italienische Parlament, dem Gotthard zu. Aus den Verhandlungen des schweizerischen Bundesrathes (vom 5. April 1869), in: BBl 1869 I, S. 738–739; Die Gotthardvereinigung, Absatz 23.

8Am 10. Mai 1869 lud der Bundesrat Italien, Baden und den Norddeutschen Bund zu einer internationalen Konferenz über die Gotthardbahn ein. Alfred Escher an Emil Welti, 10. Mai 1869, Fussnote 8; Die Gotthardvereinigung, Absatz 25.

9 Vgl. Prot. BR, 26. Mai 1869; NZZ, 27. Mai 1869.

10Ein Brief Weltis mit seinen Bemerkungen zur Skizze konnte nicht ermittelt werden. Die erwähnte Skizze hat Escher Welti mit Brief vom Vortag zugestellt; andere Beilagen werden dort jedoch nicht erwähnt. Vgl. Alfred Escher an Emil Welti, 23. Mai 1869.

11Diese «grösseren Kompetenzen» erhielt der Bund mit dem neuen Eisenbahngesetz von 1872. Vgl. Eisenbahngesetz 1872; Weichenstellung zum Eisenbahnland Schweiz, Absatz 8.

12Schon in seinem Brief an Escher vom 1. Mai 1869 spricht sich Welti deutlich gegen eine Politik aus, die auf die Übernahme der Eisenbahnen durch den Bund abzielt. Aus einem Privatbrief Weltis aus dieser Zeit geht jedoch hervor, dass er zwar einen Rückkauf ablehnte, da der Bund dadurch schlechte Aktien für gute bezahlen müsste, dass er zugleich aber davon ausging, dass der Bund den Betrieb der Eisenbahnen im Interesse des Landes auf anderem Wege erreichen konnte. Vgl. Weber, Bundesrat Welti, S. 61–62; Emil Welti an Alfred Escher, 1. Mai 1869.